DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
Valentin Carron

Valentin Carron jongliert mit Klischees aus seiner Walliser Heimat und schöpft aus dem Fundus der Kunstgeschichte, imitiert und appropriiert mit Ironie und Hintersinn. Dabei verfremdet er, irritiert und löst Dinge aus ihrem gewohnten Kontext. Lange Zeit lebte er in Martigny und war mit der touristisch bedeutenden Fondation Gianadda konfrontiert. Dies inspirierte ihn, sich mit der touristischen Vermarktung von Kunst intensiv auseinanderzusetzen. Einheimische Gegenstände wie Eisenschilder, Kruzifixe, rustikale architektonische Details, Musikinstrumente und grob geschnitzte Holzbären dekonstruiert er und interpretiert sie neu. In herkömmlich medialer Pop Art-Strategie fertigt er Objekte aus Styropor, Fiberglas, falscher Bronze sowie Kunstharz und bemalt sie mit Acryl. Weder sind sie authentisch, noch kitschig, noch eindeutig, sondern weisen meist einen ironischen Touch auf. Zum Beispiel spielen die deformierten, plattgedrückten, an der 55. Biennale Venedig gezeigten Blasinstrumente auf die Vereinsembleme in den Walliser Gaststuben an, zumal Blasmusik neben dem Gesang des Kirchenchors oft die einzig präsente, in den Dörfern gespielte Musik ist. Ganz nebenbei bilden sie auch einen Verweis auf Künstler des Nouveau Réalisme wie besonders César, der in den 1960er Jahren durch die «Compressions dirigées», mit hydraulischen Schrottpressen bearbeitete Metallteile und ganze Karosserien, auf sich aufmerksam machte. Während Carron mit den schwarz bemalten Balken eines Chalets heimatliches Ambiente aufs Korn nimmt, werden überdimensionale christliche Kunststoff-Kreuze von einer Referenz an die Minimal Art überlagert.

So entwickelt der Künstler durch die Wiederverwendung von einheimischen Formen ein Oeuvre, das Genres verwischt und von Zweideutigkeit lebt. Carron kritisiert nicht nur die trashige Heidiwelt, um gleichzeitig den grundlegenden Diskurs um Autorschaft, künstlerische Eigenständigkeit und Kopie weiterzuführen, sondern spürt auch weltweiten Machtzusammenhängen nach. Von seinem feinen Gespür für autoritative Architektur-Inszenierungen zeugt die monumentale architektonische Raumkonstruktion, «Rance Club II», 2006, ein dreieckiger, 2.40 Meter hoher, fensterloser Bunker, dessen Gipsplatten grob verputzt sind und allerlei unangenehme Assoziationen auslösen.

Im Haus Konstruktiv ist Valentin Carron mit zwei linienartigen Objekten aus Eisen, respektive aus Stahl, von 2012 bis 2013, vertreten. Sie erinnern an seine schmiedeeiserne Schlange mit zwei Köpfen, die er im Schweizer Pavillon an der 55. Biennale in Venedig, 2013, präsentierte. Sie zog sich 80 Meter durch den lichten Pavillon und war für den Künstler ein Vorwand, eine Linie im Raum zu ziehen. Hier wie dort erforscht er die Zeichnung zwischen der Zwei- und Dreidimensionalität und die Arbeiten «You he we we you» und «I I you he we» fordern den Betrachtenden zur Teilnahme an der plastischen Formwerdung auf. Während Carron seine Malerei in Auseinandersetzung mit der Malereitradition ausübt, bietet die Offenheit und Uneindeutigkeit des zeichnerischen Strichs Raum für Spielerisches, Narratives und Surreales und verspricht somit eine freie, eigenständige Gestaltung