DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
ruangrupa — In der Hoffnung auf Spielwechsler

Erstmals kuratiert mit ruangrupa ein Kollektiv die nächste documenta 15 in Kassel. Es besteht aus zehn Kunstschaffenden und Architekten aus dem indonesischen Jakarta. Ihr kuratorischer Ansatz zielt auf ein gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Nutzung von ökonomischen und ideellen Ressourcen.

Die Mitglieder von ruangrupa können mit etwas documenta-Erfahrung aufwarten, waren sie doch bei der documenta 14 mit ihrem Internetradio als Partner des dezentralen Radioprojekts ‹Every Time a Ear di Soun› beteiligt. «Raum der Kunst» oder «Raum-Form», wie das Kollektiv auf Deutsch heisst, war unter anderem mit seinen Werken an Ausstellungen wie der Istanbul Biennale, 2005, der Singapore Biennale, 2011, der São Paulo Biennale, 2014 und am Cosmopolis Projekt im Centre Pompidou, Paris, 2017 beteiligt. 2018 gründeten sie Gudskul, ein Bildungs- und Vernetzungsprojekt für Kreative, das auf kooperativer Arbeit basiert.
Der als Impulsgeber geltende Ade Darmawan vertrat mit Farid Rakun die Gruppe ruangrupa an der ersten ressekonferenz in Kassel, wo die beiden bekundeten, «eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform schaffen zu wollen …». Zudem beabsichtigen sie, mit der documenta 15 das Augenmerk auf heutige Verletzungen zu richten. Insbesondere solche, die ihren Ausgang im Kolonialismus, im Kapitalismus oder in patriarchalen Strukturen haben, denen sie «partnerschaftliche Modelle gegenüberstellen möchten, die eine andere Sicht auf die Welt ermöglichen.» Neues Paradigma?
Diese andere Sicht auf die Welt überzeugte die internationale Findungskommission auf Anhieb. Sie bestand neben Philippe Pirotte, Rektor Städelschule Frankfurt/M, aus namhaften Kuratoren und Museumsdirektoren. Die einhellige Wahl begründeten sie mit dem kuratorischen Ansatz, der auf einem internationalen Netzwerk von lokalen Community-basierten Kunstorganisationen fusst. Sie erkannten in ruangrupa das Potenzial eines Game-Changers für die documenta insofern als sich hier «ein neues Paradigma kultureller Produktion abzeichnet». Laut Philippe Pirotte haben sie zwar viele Projekte gesehen, die sie als wertvoll erachteten, «aber bei ruangrupa hatten wir das Gefühl, dass wir Teil dieses Netzwerks sein wollen, das sie ‹koperasi› nennen, einer der Schlüsselbegriffe ihres documenta-Konzepts, das auf Austausch, Vernetzung und Dialog setzt.» Weitere Künstlerkollektive, Schulen, Krankenhäuser und Universitäten werden in die Vorbereitungen der documenta 2022 in Kassel einbezogen. Ruangrupa agiere nach der von ihr als «Lumbung» bezeichneten Methode. Diese streben eine Art von Zusammenarbeit und das Verteilen von Ressourcen an, führt Pirotte weiter aus. Erläuternd fügt documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann hinzu, dass die Gruppe bereits 19 Jahre Erfahrung im Veranstalten kultureller Ereignisse habe und die Mitglieder selbst Kunstschaffende sind. ruangrupa setze auf Kunst, die in der Realität tatsächlich etwas bewirkt. Welche Art von Kunst kommen werde, sei allerdings noch offen. Es könnten Werke, Videos, Performances oder aber auch Musikfestivals sein.
Kollektive als Kuratoren
Die Wahl der neuen documenta-Leitung hat ein gespaltenes Echo ausgelöst. Während sich die einen auf frischen, nichteuropäischen Wind für Kassel freuen, stehen manche der Berufung von ruangrupa kritisch gegenüber. Doch ist die Wahl des Kollektivs wirklich die Überraschung, als die sie nun gehandelt wird? Es ist zwar noch nicht Standard, aber auch nicht ganz unüblich, dass Kunstschaffende für Grossausstellungen verantwortlich zeichnen, und Kollektive als Kuratoren sind schon seit einigen Jahren beliebt. Anders als eine Einzelperspektive bietet eine Co-Autorschaft die Möglichkeit, mehrere Blickwinkel mit einzubeziehen und die vielfältigen administrativen Arbeiten aufzuteilen. Dies haben die Beispiele der drei interdisziplinären Kollektive (Alexandria Contemporary Arts Forum, Chamber of Public Secrets und tranzit.org) bei der Manifesta 8 in Murcia 2010 oder des Kuratorenteams der 15. Biennale de Lyon 2019 bestätigt. Auch den Vertretern der Findungskommission erscheint es folgerichtig, «in einer Zeit, in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgeht, diesem kollektiven Ansatz mit der documenta eine Plattform zu bieten».
Will man sich eine Vorstellung der nächsten documenta machen, muss man nach Arnheim blicken, wo ruangrupa 2016 die Ausstellung ‹Transaktion› kuratierten. Fünfundvierzig internationale Künstlerinnen und Künstler realisierten nebst Wandbildern zahlreiche Installationen im Park von Sonsbeek und künstlerische Interventionen in der Stadt Arnhem. Die Ausstellung ‹transHISTORY› im Museum Arnhem präsentierte ortsspezifische Arbeiten, die vor Augen führten, dass Geschichte sich ständig weiterentwickelt und Teil der Realität ist. Es war ein Erfolg mit lobenden Kritiken in der internationalen Presse und über 100’000 Besucherinnen und Besuchern.
Antworten auf existentielle Fragen
Immer wieder stellt sich die Frage, was die documenta heute noch leisten kann. Wohl ist es ihr Anliegen, sich jedes Mal neu zu erfinden. Lohnt sich der Verzicht auf eine singuläre künstlerische Vision, wenn die gemeinsam erarbeitete Alternative Zeitfragen in einer überraschenden Ästhetik aufgreift? Es ist mutig und notwendig, den Diskurs über die westlichen Kunstzentren hinaus auszudehnen. Zieht man ruangrupas Ausstellungen bei der Asia Pacific Triennial of Contemporary Art, Brisbane, 2012, der São Paulo Biennale, 2014, oder ‹Transaktion› in Arnheim, 2016, als Beispiele bei, so dürfte die Weltkunstschau mit ihnen zum Netzwerk, Kunst zur kooperativen Arbeit werden. Dieser seit einigen Jahren feststellbare kulturelle Trend hin zu Projekten mit partizipativem Anspruch, performativen Neuinterpretationen historischer Ereignisse, Workshops und Labors ist mittlerweile Teil von Biennalen und anderen Grossausstellungen. In Zeiten, da Europa und andere Länder vor enormen Herausforderungen angesichts von politischem Populismus und Zerfall von Gesellschaften stehen, will die documenta eine Plattform bieten, die Antworten auf existentielle und soziale Fragen geben könnte. Die Ausstellung wird zeigen, ob diesbezügliche Visionen skizziert werden. Denn die Erwartungen sind hoch.

‹Documenta 15›, Kassel, 18.2.2022 – 25.9. 2022           www.documenta.de