DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
Rita Ernst — «Longline» — Tennisanlage Mythenquai

Rita Ernst — «Longline» — Fassadengestaltung Tennisanlage Mythenquai

 

Ich möchte kurz die Fassadenbemalung der Tennisanlage Mythenquai aus kunsthistorischer Sicht beleuchten. Sie zeigt exemplarisch auf, wie souverän Rita Ernst das Spiel mit bildlichen Ordnungssystemen beherrscht und gleichzeitig immer auch einen subtilen Ausbruch aus festen Strukturen macht. Sie lässt sich von Grundrissdarstellungen inspirieren, die sie durch diverse Prozesse in farbintensive Bilder transformiert. Diese wiederspiegeln den Geist der Konkreten Kunst, insbesondere von Sophie Taeuber Arp.

 

Von weitem leuchten die kräftigen Farben des Pavillons in der Tennisanlage Mythenquai, den Beat Schnidrig vor kurzem saniert hat. Auf der Schmal- und auf der Längsseite des langgestreckten kubischen Baus führt je ein Durchgang in einen der beiden Innenhöfe. Die in den einen Innenhof führenden Fassaden sind in Bordeauxrot gehalten, diejenigen in den zweiten Innenhof kupferfarben. Die Fassade zum Mythenquai ist in horizontale und diagonale Streifen von unterschiedlicher Breite gegliedert. Sie sind mit präzise gesetzten Linien, Flächen und Farben scharf voneinander abgegrenzt. Den langen, in ausgewogenen Rhythmen ausgeführten Streifen wohnt ein enormes Kraftpotential inne; evozieren sie doch die Schlagkraft der mit grosser Geschwindigkeit hin- und hergeworfenen Tennisbälle. Diagonale Streifen durchkreuzen die waagrechten Streifen, und ziehen den Blick in die Tiefe. Dadurch wirkt die Wandmalerei ausgesprochen räumlich.

Als Rita Ernst die Anfrage zur malerischen Gestaltung der Fassade erhielt, war sie seit einem Jahr mit den historischen Grundrissdarstellungen des Museo archeologico regionale «Antonio Salinas» in Palermo beschäftigt. Sie war im Begriff diese Pläne in eigene Bilder zu transformieren. Der Auftrag erwies sich als ideal für sie, denn der in den «Salinas Palermo»-Arbeiten entwickelte Farbklang von Braun, Beige, Kupfer, Schwarz und Rot stimmt mit demjenigen der Tennisanlage weitgehend überein. Nachdem der Bau von vielen Farbschichten freigelegt wurde, kam der Originalanstrich von Grau, Tennissandfarben und Anthrazit hervor. Rita Ernst konnte die Palette der «Salinas Palermo»-Bilder mit der neuen Situation verbinden. Besonders der Kupferton in den «Salinas Palermo»-Bilder harmoniert optimal mit dem tennissandfarbenen Ton. Auch dies war wieder ein glücklicher Zufall, denn Metallfarben kommen im Werk von Rita Ernst immer wieder vor. Mit ihnen sucht die Künstlerin ein Neutralisierungs- und Spiegelungspotenzial für die farbintensiven Streifen zu erzeugen. Andernorts intensivierte sie den rötlichen Ton der vormaligen Sandfarbe, bis sie ein kräftigeres Rot erhielt, das einem pompejanischen Rot gleicht.

 

Die unebene Oberfläche der Fassade zum Mythenquai bereitete Rita Ernst anfänglich Sorgen. Sie befürchtete nämlich, dass die Farben auf dem groben Verputz nicht funktionieren könnten. Doch, dank der ausgezeichneten malerischen, technischen Umsetzung durch die Malerinnen des Malergeschäfts Mona Lisa ist die Farbkombination sehr überzeugend gelungen. Indem sich die Farbstreifen in einem bestimmten Rhythmus wiederholen und sich über die Ränder des Baus fortsetzen, fügen sie sich zu einem eigentlichen Farbklang.

Referenz an das Tennisspiel

 

Der Werktitel «Longline» ist eine Referenz an das Tennisspiel. Für diejenigen, die mit den Tennisregeln nicht so vertraut sind, heisst dies, dass der Ball in die jeweils parallel verlaufende Seitenauslinie gespielt wird. Dabei wird die Begriffsbezeichnung «longline» jeweils links an der Seitenauslinie, als auch rechts an der Seitenauslinie angewendet. Eine Regel besagt, dass der Ball zum Beispiel aus Sicht eines Rechtshänders

aus der weiten Vorhand auch am Netz vorbei in die Rückhand des Gegners longline gespielt werden kann. Auch wenn dann ein gewisser Winkel gespielt wird, zählt dies als longline.

 

Rita Ernst komponiert, wenn sie malt. Als Noten verwendet sie Farben, während geometrische Strukturen gleichsam den Rhythmus angeben, der die – anfänglich der konstruktiven Kunst verbundenen – Bilder zum Schwingen bringen. Obwohl das Werk von Rita Ernst oft in der Nachfolge der Zürcher Konkreten gestellt und interpretiert wird, fühlt sie sich keinem Dogma verpflichtet. Ein deutliches Unterscheidungsmerkmal zu den Konkreten ist ihre intuitive und atmosphärische Farbgebung. Im Laufe ihrer künstlerischen Tätigkeit hat sie sich immer mehr Freiheiten genommen und ihr System aus elementaren Bildmitteln stetig erweitert. So sind die Farben, seit sie Sizilien seit 1997 als Zweitwohnsitz auserkoren hat, lichter und strahlender geworden. Zu Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit sammelte Rita Ernst ihre Ideen wie Bausteine und legte sie in Formenkatalogen, eigentlichen Skizzenbüchern, an; zum Beispiel auf Millimeterpapier und auf der Basis des geviertelten Quadrats. Damit erprobte sie additive Strategien, Überlagerungen und kombinatorische Konstellationen. Zu Beginn der Achtzigerjahre beschränkte sich die Künstlerin radikal auf ein Waagrecht-Senkrecht-Gerüst. Während eines Aufenthalts am Istituto Svizzero in Rom von 1987 bis 1988 entstanden Bilder in den italienischen Nationalfarben und Formelemente, die sich friesartig aneinanderreihen.

Mit dem umfassenden «Progetto Siciliano» ersetzte Rita Ernst das Raster des Millimeterpapiers durch Grundrisse sizilianischer Architektur: von Barockkirchen, normannischen Kathedralen, Schlössern und Paradiesgärten islamischen Ursprungs. Diese Werke wurden im gleichnamigen Buch versammelt, das 2003 bei Scheidegger & Spiess erschien. Ihre Liebe zu Strukturen inspirierte sie zu ihrem Bildzyklus «Projekt — Mies van der Rohe», dessen Werk ein Synonym für Klarheit, Proportionen und Sorgfalt ist und dem sich die Künstlerin geistig verwandt fühlt. Ab 2009 entwarf sie eine Bildserie, die sich an Gebäudegrundrissen und Fotografien des berühmten Architekten orientiert. Die Grundrisse zerlegt sie in rhythmische, präzise gezogene Linien und farbige Rechtecke. Dieses Projekt führte die Künstlerin im Zyklus «Spazio» (2016) weiter. Als Grundlage dienen eigene fotografische Aufnahmen von Licht-Schatten-Situationen im Haus Lemke. Dies war das letzte der von Mies van der Rohe entworfenen Wohnhäuser in Deutschland.

 

Klassische Grundrisse und Palimpseste

 

Die klassischen Grundrisse sowie die später verwendeten Muster von historischen Keramikfliesen — für die Serie «Mattonella» — bilden die Grundlage der Bilder. Die Bilder dieser Serie sind für die Künstlerin überdies als Palimpseste bedeutsam für das Verständnis der tiefer liegenden Strukturen von Sizilien als einem Schmelztiegel europäischer Kulturgeschichte. Die Grundrissdarstellungen verfremdet Rita Ernst, so wie in den aktuellen «Salinas Palermo»-Arbeiten, indem sie sie spiegelt, verschiebt und überlagert und ihnen 3-D-Tiefe verleiht. Auf diese Weise überführt die Künstlerin die Pläne in eine eigene malerische Sprache aus Linien- und Flächenkonstruktionen, die von Rhythmus, Farbe und Spiel leben.

 

 

In den Grundrissen findet Rita Ernst architektonische und geometrische Regeln, die sie spielerisch wieder bricht. Mal lässt sie die Fenster weg, mal betont sie die Umrisse von Bauten. Die Kompositionen erinnern nur vage an den Ursprung, machen aber die charakteristische Ästhetik von Rita Ernsts Bildserien aus. Dabei ist das Serielle für die Künstlerin eine Möglichkeit, einen Gegenstand wesentlich zu erfassen.

Mit den Grundrissbildern ist Rita Ernst ganz neue Wege gegangen, indem die Kunst der Transformation zum Spiel wird. Mit der Setzung von Farbfeldern schafft sie ein anregendes Kräftespiel zwischen Positiv- und Negativformen, Zeichen und Bezeichnetem, Zufall und Ordnungsstrukturen. Die im Muster aus rhythmisch disponierten und scharf voneinander abgegrenzten Horizontal- und Diagonalstreifen evozieren einen mehrschichtigen Bildraum. Dieser lebt von einem brisanten Gleichgewicht zwischen Rhythmen, Farbe und Spiel, und sie werden in der Spannweite zwischen Figur und Grund zu einer Synthese gebracht. Darin leuchtet einmal mehr die Essenz des Schaffens von Rita Ernst auf; nämlich die malerische Erforschung und subtile Irritation von bildlichen Ordnungssystemen.

 

Speech anlässlich der Vernissage am 5. September 2019 vor Ort.