DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
Kirstine Roepstorff — «Ex Cave»

Die dänische Künstlerin Kirstine Roepstorff feiert die vielen Facetten der Dunkelheit als Mittel der regenerativen Kraft. Brutistische Architekturfragmenten beruhen neben kleinen Papierarbeiten und vielfältigen Referenzsystemen auf dem Prinzip der Collage. Entstanden ist eine einmalige theatralische Installation.

Es knirscht unter den Schuhen, während ich mich in dämmrigem Zwielicht auf einem unebenen Pfad aus Sand und Kies vorantaste. Mit Zement verputzte hohe Wandelemente säumen den Pfad. Sind diese Architekturteile verlassen, sind sie Überbleibsel von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg oder sind sie Teil einer neuen Überbauung? In der ungewohnten Dunkelheit sind an den Wänden zahlreiche Tafeln aus Beton, versehen mit geometrischen Reliefs und hängenden filigranen Mobiles aus Messing auszumachen. In Nischen stösst man auf Collagen und grossformatige Malereien mit wolkig-wässrigem Pigmentauftrag in feinen Erdtönen auf roher Leinwand. Etwas Farbe bringt ein sieben Meter langer abstrakt-figurativer Gobelinteppich in die Szenerie. Jedenfalls fühle ich mich an die tristen, in Schwarz-Weiss gehaltenen Szenen im Film «Stalker» von Andrei Tarkovsky erinnert; auch die collageartige Disposition von Kurt Schwitters «Merzbau» von 1920 bis 1936 spielt etwas hinein.

«Ex Cave» stellt den letzten Teil einer Trilogie von Kirstine Roepstorff (*1972, Virum, lebt und arbeitet in Kopenhagen) dar. Den Auftakt bildete ihre Präsentation «Influenza. Theatre of Glowing Darkness» für den dänischen Pavillon an der Biennale von Venedig 2017. Das Publikum tauchte in eine stockfinstere Dunkelheit ein, während Stimmen und dunkle Lichtspektren aus dem «Theater der strahlenden Dunkelheit», ein spektakuläres mechanisches Klang- und Lichttheater, zu vernehmen waren. Der anschliessende Gang in den Pavillon eigenen Garten mit Zitronenbäumen, Lilien, Tabakpflanzen, Rosen, Efeu, Salbei und Thymian mochte auf das Publikum befreiend gewirkt haben. An einer freigelegten Wand im Garten hing der meisterhafte Gobelinteppich, der uns neben dem oben erwähnten Klang- und Lichttheater im Haus Konstruktiv wieder begegnet. Diese beiden Arbeiten waren auch Bestandteil der grossen Soloschau «Renaissance of the Night» in der Kunsthalle Charlottenburg in Kopenhagen, 2018. Nun zelebriert Roepstorff im Haus Konstruktiv eine Hymne an die Nacht. Auf dem nächtlichen Pfad stösst man neben neuen und älteren Collagen, Gemälden und Skulpturen auf Messing-Mobiles, welche die Künstlerin als «Klangmenschen» bezeichnet; empfindet sie die Menschen doch als «vibrierende Wesen», deren «innere Klangwelt» die Qualität ihrer Relation zu ihrem Umfeld bestimmt. Dunkelheit ist für die Künstlerin keineswegs negativ, sondern besitzt im Gegenteil positive Energie und verfügt über heilende Kräfte. Diese können uns gemäss Roepstorff aufbauen in Zeiten, in denen wir von sozialen Kontakten und medialen Reizen überflutet werden.

Haus Konstruktiv, Kirstine Roepstorff — «Ex Cave», bis 8.9.