DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
Karin Schwarzbek

Das Schaffen von Karin Schwarzbek (*1969 in Egnach TG, lebt und arbeitet in Zürich) dreht sich um die ureigenen Gesetze der Malerei: Fläche, Farbe, Wechsel des Lichts, Hell und Dunkel, Materialität und Haptik, sowie Oberflächendichte. So spürt sie den malerisch-handwerklichen Prozessen nach. Dabei untersucht sie, in welcher Form Spuren der sichtbaren Welt in ihrer weitgehend gegenstandslosen Malerei noch erkundet werden können. Im Gegensatz zu früheren Jahren strebt sie keine Figuration an, sondern verweist auf Abwesendes, das durch die Bildwerdung wiederum verkörpert wird. Davon spricht das grossformatige schwarze, mit Silberpartikeln übersäte Bild. Es erinnert an die flächendeckenden, grenzenlos wirkenden Bilder des Nachthimmels der amerikanischen Künstlerin Vija Celmins. Während das Unendliche durch die gleichmässige Komposition in seiner harten, unbewegten Oberfläche gebannt wird, liegt dem Bild von Karin Schwarzbek, 123, 2018, ganz pragmatisch ein zerknülltes, altes Bild zugrunde, dessen Überbleibsel in Form von Silberpartikeln, sie in die nasse Emaille-Farbe flöckeln liess.

Die körperliche Bezogenheit kommt über die Verwendung von diversen Materialien ins Spiel, die zentral sind bei der Suche nach einer Bildwerdung, -findung. Indem Karin Schwarzbek die Baumwolle faltet, schneidet oder vernäht, bemalte Leinwände von ihren Chassis nimmt und sie wieder überarbeitet, Schichten aufdeckt und andere abträgt, gerät die Eigenschaft des Materials zum Bildinhalt. Dies wird evident, wenn die Künstlerin die Baumwolle mit Leinöl so bearbeitet, dass sie hautfarben schimmert oder nebelhafte Gefüge in Farbräumen suggeriert werden, wie in den Arbeiten 149, 155 oder ein anderes Bild mit Fingerprints versieht, so 148, 2018. Es sind fast monochrome Bilder, die auf All-over-Paintings verweisen, ohne als solche zu funktionieren, zumal die Formate zu klein sind und den Bildern eine objekthafte Präsenz innewohnt. Eine geradezu haptische Eigenschaft eignet der Arbeit 138, 2018, mit dem Stoff einer gebleichten, über den Bildrahmen gespannten Hose. Bei diesen Prozessen rekurriert sie auf ihre Erfahrungen als Assistentin im Restaurierungsatelier von Thomas Zirlewagen, das sie aufgrund ihres Interesses an der Malereitradition aufgesucht hatte.

Die im Haus Konstruktiv präsentierten Arbeiten bilden ein Ensemble, welches sich mit den einzelnen Bildern in Balance hält. Diese reflektieren das Bestreben der Künstlerin, verschiedene Sichtweisen eines Bildgegenstandes einzufangen, der im einzelnen Bild sehr reduziert oder nur latent vorhanden ist. Dadurch «öffnet sich das Bild und kann mit den anderen Bildern Verbindungen eingehen». So kreisen die einzelnen Bilder im Ensemble um ähnliche Fragen, variieren jedoch in Erscheinung und Dynamik. Die lediglich nummerierten Werke sollen gemäss der Vorstellung der Künstlerin «Malereierfahrung» ermöglichen. Abgesehen davon, dass die Bildlegenden Auskunft über deren Beschaffenheit geben, macht die fortlaufende Nummerierung diese Arbeiten sowohl zu autonomen Werken, als auch zu Bestandteilen einer laufenden Reflexion. Dadurch können die Arbeiten als Stationen einer konsequenten Weiterentwicklung betrachtet werden. Diese dient ihrer Suche nach Freiraum, in dem sich Präsenz manifestieren kann.

 

Aus: Konkrete Gegenwart — Jetzt ist immer auch ein bisschen gestern und morgen, Museum Haus Konstruktiv Zürich, Verlag für moderne Kunst, Wien, 2019.