DR.PHIl.I
KUNST- UND ARCHITEKTURHISTORIKERIN
AUTORIN
Ding / Unding. Die Entgrenzung des Künstler*innenbuchs

Wenn Dieter Roth (1930-1998) das Magazin «Der Spiegel» mit Gewürzen angereichert zur Literaturwurst (1961-1974) verarbeitete, Hiroshi Sugimoto (*1948) mit <Noh Such Thing as Time>, 2001, eine Noh-Theaterbühne in verkleinertem Massstab entwirft oder wenn Leporellos sich zu Räumen entfalten, wie Ed Ruschas (*1937) sieben Meter lange Arbeit <Every Building on Sunset Strip>, 1966, so manifestieren diese Objekte ihre Präsenz im Raum. Als Dinge untersuchen Künstler*innenbücher ihren Objektcharakter und gehen über den Status des Buchs als Mittel der Informationsübertragung weit hinaus. Dies veranschaulicht besonders das überdimensionale Tapetenmusterbuch <Privé>, 1986, von Thomas Müllenbach (*1949), dessen Seiten mit Lackfarbe nahezu monochrom übermalt sind. Mit solchen Experimenten reizen Kunstschaffende immer wieder die Möglichkeiten und Grenzen der Buchproduktion und –gestaltung aus. In unserer Zeit der unbeschränkten digitalen Informationen, Programme und Symbole verlieren die Bücher zunehmend ihren Objektcharakter und werden zu «Undingen», wie die Kuratorin Lena Schaller in Anlehnung an den Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler, Vilém Flusser (1920-1991) die langsame Auflösung der Dinglichkeit zu ungreifbaren Informationen nennt. Flusser, dessen zentrales Thema der Untergang der Schriftkultur war, sagte voraus, dass das Alphabet als dominierender Code von den Technobildern abgelöst werde. Dadurch würde sich auch die Auffassung von Raum und Zeit ändern, denn der lineare Zeitverlauf und der geometrische Raum sind nur für die Menschen eine Selbstverständlichkeit, die mit Texten vertraut sind. Dieses Phänomen lässt sich etwa bei «Print-on-Demand»-Publikationen beobachten, die nur in der digitalen Version existieren und erst auf Bestellung gedruckt werden. So reflektieren diese ihre Position zwischen digitalem Code und analogem Objekt und führen daher ein Dasein an der Schwelle. Während die Technologie hinter den Dingen verschwindet, gerät das Haptische zunehmend in den Blickpunkt des Interesses. Dieser Prozess ist fast schon exemplarisch am Künstler*innenbuch ablesbar, insofern als es zwischen seinem eigenen Zelebrieren, kritischer Reflexion und möglicher Auflösung untersucht wird, und die in der Ausstellung präsentierten Auswahl von Künstler*innenbücher der Graphischen Sammlung ETH vor Augen führt, dass sich die immer wieder geäusserten Vorhersagen zum Tod des Buches keineswegs realisiert haben.

Ding / Unding. Die Entgrenzung des Künstler*innenbuchs, Graphische Sammlung der ETH Zürich, bis 14.4.              www. gs.ethz.ch