Erwin Wurm – Peace & Plenty

Was geht in einer Person vor, die sich einen Benzinschlauch in den Mund stösst, sich mit brennenden Zigaretten zwischen den Fingern Benzinschläuche in die Hosentaschen steckt oder aus Ausstellungsbesuchern Skulpturen macht? Antwort darauf geben rund 700 Arbeiten auf Papier, die nun in Luzern zu sehen sind.

Humor ist eine Waffe, hat Erwin Wurm verschiedentlich geäussert. Er setzt sie gezielt ein, um den Alltag aus einer vollkommen anderen, sprich surrealen und philosophischen Perspektive zu zeigen. Mit der subversiven Kraft des Paradoxen schaut er auf die Realität und stellt sie auf den Kopf. So schafft er etwa <Fat-Skulpturen>, kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser in einem aufgeblähten Zustand. Dem gegenüber wird die kleinbürgerliche Enge mit dem <Narrow House>, einem bereits auf der 54. Kunstbiennale in Venedig 2011 gezeigten verkleinerten Modell seines Elternhauses, als erdrückende Erfahrung veranschaulicht.

 

            Seit über 25 Jahren arbeitet Erwin Wurm an einem vielschichtigen Werk, das als «durchgehendes Forschungsprojekt zum Skulpturenbegriff» interpretiert werden kann. Diesen erweiterte er um interaktive, soziale sowie zeitliche Aspekte. Mit der sogenannten performativen Skulptur, der <One Minute Sculpture>, fand der Künstler eine neue Ausdrucksform. Dafür werden Ausstellungsbesucher durch Handlungsanleitungen des Künstlers für kurze Zeit zu lebenden Skulpturen, denen oft Überraschendes oder auch Lächerliches innewohnt. Innerhalb der Ausstellungssituation werden die auf einem Podest stehenden Besuchenden selbst zum Objekt ästhetischer Erfahrung in Anspielung auf das Verhältnis von Subjekt und Objekt.

 

            Anlass der Ausstellung war sowohl Wurms Beteiligung an der Luzerner Ausstellung <Diamonds always come in small Packages>, 2015, als auch sein riesiger Output an Zeichnungen. Tagebuchartig hält er Gedankenspiele, Geistesblitze, simple Gesten oder seine unzählig variierten Anleitungen zu den performativen Skulpturen fest. Sowohl von der Funktion als auch vom Stil, der Technik und Materialität her sind sie ungeheuer heterogen. Präsentiert werden sie lose nach Serien geordnet: so die <Bullets>, <Fettfleck>, <Longing>, <Verschnitte>, die <Asthma Serie> oder immer wieder Transformationen von Mann zu Frau oder Porträts aus Gouache. Den Porträts liegen teilweise Fotografien zugrunde; etwa von Heinrich Heine, Rodin oder Beckett. Vielfach sind die Porträts klassisch, realistisch gezeichnet oder zu darmartigen Geschwülsten deformiert und sitzen auf einem comicartigen, gedrungenen oder fischschwanzartig geschwungenen Körper. Die Ausstellung mit in den zwei letzten Jahren entstandenen Arbeiten, die vielfach durch Eindringlichkeit bestechen, widerspiegelt sein ganzes Werk. Sie bietet einen Blick in einen unfassbaren Fundus von Stoff und erweist sich als Erwin Wurms Labor.     

 

Erwin Wurm — Peace & Plenty, Kunstmuseum Luzern, bis 23.9.       www.kunstmuseumluzern.ch

 

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