Uriel Orlow „Theatrum Botanicum“ als Spiegel der Kolonialisierung Südafrikas

„Mandelas Gold“ nennt man die Pardiesvogelpflanze seit der Ernennung von Nelson Mandela zum Präsidenten von Südafrika. Die Arbeit „Grey, Green, Gold“ (2015-17) beleuchtet seine achtzehnjährige Gefangenschaft (1964-1982). Im Gefängniskomplex bepflanzte Mandela einen Garten und versteckte darin das Manuskript seiner später veröffentlichen Biographie.

Im Zeitraum von Mandelas Gefangenschaft wurde die einem exotischen Vogelkopf ähnelnde Blüte im Kirstenbosch National Botanical Garden gezüchtet, die der Kolonialist Cecil Rhodes, nach Südafrika gebracht hatte. Um die Pflanzen vor gefrässigen Eichhörnchen zu schützen, müssen sie mit Maschendraht eingewickelt werden, der so wiederum an Mandelas Gefangenschaft erinnert.

 

Dies ist eine von vielen, ungeheuer fesselnden Geschichten, die Uriel Orlow (*1973, Zürich) während seiner Aufenthalte in Südafrika vernahm. Dort ist er den verschlungenen Wegen der Kolonialgeschichte mittels Oral History und Archivrecherchen nachgegangen und stiess auf abstruse Zusammenhänge, die er in multimedialen und narrativen Arbeiten nachzeichnet. Anlass war die Einladung einer Kuratorin nach Kapstadt und ihre gemeinsame Begegnung im botanischen Garten. Gegründet um 1913, gilt er als einer der schönsten der Welt und ist einer der ersten, der sich einheimischen Pflanzen widmet. Dem Künstler fiel gleich auf, dass die Schildchen noch über zwanzig Jahre nach der Apartheid mit englischen und lateinischen Pflanzennamen beschriftet sind. Dieser Doppelname suggeriert ein eurozentristisches System mit universalem Anspruch. Orlows Erkenntnis, dass Pflanzen in die Kolonialgeschichte miteinbezogen sind, inspirierte ihn zum „Theatrum Botanicum“. Auf die Katalogisierung von Pflanzen, die indigene Namen missachtete und botanisches Wissen mangels Austausch mit Einheimischen schliesslich auslöschte, verweist die wissenschaftskritische Soundinstallation „What Plants were Called Before They Had a Name“ (seit 2015), die ein Archiv von einheimischen, nach Dialekten benannten Pflanzen bildet, wie auch die enzyklopädische Installation „Echoes“ (2018). Die unscharf an die Wand projizierten Bilder aus Herbarien fungieren als Träger der historischen Erinnerung botanischer Erforschungen im Zusammenhang mit den Entdeckungsreisen und der Kolonialisierung.

 

Wer hätte zum Beispiel gewusst, dass die allseits bekannten und beliebten Geranien botanisch betrachtet weder Geranien noch ursprünglich in Mitteleuropa beheimatet sind. Der Postkartenständer der Installation „Geraniums are Never Red“ (2016) verweist auf die kulturelle Aneignung der Pflanze. Niederländische Kolonialisten brachten die roten Blumen im 17. Jahrhundert nach Europa; wobei sie erst 100 Jahre nach deren Import als Pelargonien identifiziert wurden.

 

Im Bereich der Heilsubstanzen ist die Vorherrschaft der Weissen bis noch vor kurzem spürbar, wie etwa eine von Schauspielern nachgespielte Gerichtsszene im Film „The Crown Against Mafavuke“ (2016), Teil einer Video-Trilogie, eindrücklich belegt. Sie wiedergibt die Geschichte eines traditionellen Pflanzenheilers, der von der lokalen weissen Ärztegesellschaft angeklagt wird, neben einheimischen auch der westlichen Medizin entstammende Medikamente verwendet zu haben. Heute verhält es sich umgekehrt. Europäer und Amerikaner pilgern nach Südafrika, um noch unbekannte Pflanzen für ihre Medikamente zu entdecken und zu nutzen. Dies wirft Fragen nach dem Schutz von indigenem Urheberrecht auf, denen der experimentelle Dokumentarfilm „Imbizo Ka Mafavuke“ (Mafavukes Tribunal, 2017) nachgeht.

 

Die Frage nach dem Aktivieren des verschütteten kollektiven Wissens zieht sich als unterschwelliges Thema durch die Ausstellung. Zeugen der Geschichte Südafrikas sind etwa gigantische Bäume, die in der schwarz-weissen Fotoserie „The Memory of Trees“ (2016) mahnmalartig in Erscheinung treten. In der Art von Röntgenbildern erinnern sie an Geister früherer Zeiten, die in der Gegenwart fortleben. Was hat nicht der über 500-jährige „Milkwood Tree“ schon alles gesehen. Ihn kannte man auch unter dem Namen „Old Slave Tree of Woodstock“. Unter seinem Schatten handelten die Sklavenhändler mit Sklaven und Sklavinnen, wobei die Ungehorsamen an seinen Ästen gehängt wurden. Im frühen 19. Jahrhundert benannte man den Baum in „Treaty Tree“ um, weil hier die Niederländer die Kapitulationsbedingungen unterschrieben und die Macht an die Engländer übertrugen. Somit wurde der Baum zum Symbol der zweiten britischen Besetzung.

 

Die Frage stellt sich, ob ethnologische Sammeltätigkeit den kolonialistischen Raubbau nicht fortsetzt. Im letzten Drittel des 19. Jh., als Europa die Kolonialisierung intensivierte, nahm die Zahl der Völkerkundemuseen zu. Die Kunstwerke und -objekte der neu entdeckten Kulturen wurden ihrem Kontext enthoben und als Kuriositäten dargestellt. Diese Isolierung führte zu dauerhaften Klischees und Projektionen eigener Kultur- und Lebensideale, als Beweis für die Überlegenheit westlicher Kultur und Zivilisation. Das Herrschaftsbewusstsein und das Exotische gehören scheinbar zusammen.

 

 

Kunst Halle St. Gallen, bis 17.6.2018. Zur Ausstellung erscheint ca. am 15. Juni 2018 eine Publikation mit Texten von Uriel Orlow, Shela Sheikh , Jason TW Irving, Melanie Boehi, Karen Flint, Karin van Marle, Bettina Malcomess , Sita Balani, Khadija von Zinnenburg Carroll, Nomusa Makhubu, Clelia Coussonnet, Sternberg Press, Berlin.

 

In: Kunstforum International, Bd. 254

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