Klaudia Schifferle — Spaziergang im Übermorgen

Es ist kaum vorstellbar, dass die ausgestellten Werke von derselben Künstlerin stammen, denn ungeheuer ist die Vielfalt der meist parallel entstehenden Werkgruppen. Klaudia Schifferle ist in den diversesten Medien heimisch; in einem abstrakten wie auch in einem figurativen Formenvokabular. Dies mag damit zu tun haben, dass sich die Bedingungen der menschlichen Existenz in den Werken niederschlagen, abtastend, experimentierend und ergründend. Der Spaziergang in zukünftigen Lebensräumen ist gesäumt von den wunderlichen Geschichten und Bildwelten der auch dichtenden Künstlerin.

Eine Gestalt, dünn wie ein Spazierstock, ganz in Weiss und in High-Heels, in denen dünne Beine stecken, steht bescheiden in einer Ecke und rüstet sich für einen Spaziergang. Er führt ins Übermorgen, das licht, frei und voller Fantasie sein wird. Ihr Weg ist gepflastert von den Lebensveränderungen und Brüchen, die das Werk von Klaudia Schifferle entscheidend geprägt haben. Bald sind die Bildwelten von einer lichtdurchfluteten Buntheit erfüllt, welche von einem heiteren Gemüt zeugen wie in <Liquid Flower>. Bald bevölkern melancholische Geister, die <Ghosts>, das Bildgeschehen.

 

Immer wieder erzählen die weiblichen und zoomorphen Figuren vom Einblick und Sein in Zwischenwelten, auch von vielen verschiedenen, offenen und mutigen Zuständen, welche in den Werken gespiegelt werden. Jedenfalls hat Klaudia Schifferle die Düsternis von einst weitgehend hinter sich gelassen und im Wunsch, in ihrer Arbeit Ganzheitliches zu erfassen, sich deutlich lichteren Sphären zugewandt.

 

Die aktuellen, ausser den Skulpturen, noch nie gezeigten Arbeiten der letzten drei Jahre, wie die Acryllack-Bilder, so <Splash> oder die <Pressed Flowers> , 2014, mit emailartig schimmernden Blüten aus Nagellack, zelebrieren wahre Farborechestrierungen in ihren Kombinationen von Pink über Hellblau, Orange, Gelb zu Tiefgrün. Während weitere Kompositionen von Lichtreflexen erhellt sind, schieben sich oft auch schwarze oder dunkelbraune, dunstige Gebilde dazwischen. In wabernden schwarzen Acryllackwolken und zischenden Farbspritzern glaubt man Licht- und Wasserkaskaden zu erkennen, die in ihrer Schwerelosigkeit unwirkliche Substanzen zu bergen scheinen. Einzig da und dort breiten sich Schatten aus; so etwa in dem zweiteiligen Werk <Landscape> oder dem grossformatigen, geisterhaft wirkenden Bild <Black Hole Eats All> von 2016. Anderswo ist der Duktus gezügelt und formiert sich zu abstrahiert-anthropomorphen oder -zoomorphen Konfigurationen: so in der 9-teiligen <Ghosts-Serie> oder in <Bird>.

 

 

 

Vielgestaltiges Wasser

 

 

 

Voller Erwartungen lässt sich Klaudia Schifferle vom wässerigen Medium der Acryllackbilder dahintreiben. Beflügelt vom Wunsch, «etwas mit der Materialität des puren Plastiks zu machen», giesst sie die Farben langsam in Flecken und Linien auf die Leinwand, die sich selber vermischen und ineinander fliessen. Bei einzelnen Werken schwenkt die Künstlerin die Leinwände sachte hin und her, ohne weiter einzugreifen. Auf diese Weise werden die Bilder nicht gemalt. Im Fall des Werkes <Fliege, Fliege Eintagsfliege> lässt sie die Farben etwas eintrocknen und stellt die Leinwand auf, damit sich die Farbflüsse träge ihren eigenen Weg bahnen. Andernorts zeigen sich da und dort feine Ansätze der Verfestigung in Form sich verdickender Flecken. Sie deuten auf körperähnliche Konfigurationen hin, ohne es je ganz zu werden. Die Kompositionen bleiben in der Schwebe zwischen Sein und Nichtsein, zwischen diffus und gegenständlich. Dann wieder scheinen Farbströme ins Erdinnere gesogen zu werden, wie in <Black Hole Eats All> oder in <Splash>. In der Bildmitte des sehr intensivfarbenen <Splash> prallen Farbadern aufeinander und verdichten sich zu einer reliefartigem Komposition. Diese lässt an einen alles verschlingenden Maelstrom denken. Auch angesichts der sehr bewegten, sich auftürmenden, auf einen zu donnernden <Waves>, 2017, fühlt man sich hilflos den Elementen ausgesetzt. Ein Naturphänomen der besonderen Art ist das schwarz-weisse Rieseninsekt im grossformatigen Bild <Fliege, Fliege Eintagsfliege>, das über Landschaften und Wasser zu schweben scheint, welche sich in seiner Körpermitte spiegeln. Fast hellsichtig spürt die Künstlerin mit diesen Acryllackbildern dem vielgestaltigen Wasser nach. «Erst wenn die Bilder da sind», beginnt Klaudia Schifferle «Geschichten über das Bildgeschehen zu erzählen».

 

 

 

Respekt erheischende Skulpturen

 

 

 

Daneben macht sich eine Gruppe von enorm präsenten, archaischen, mehrköpfigen oder vielohrigen, Respekt erheischenden  grauen Skulpturen. Die Schwergewichtler, Unikatgusse, bestehen aus Beton oder weisser keramischer Giessmasse. Für letztere interessiert sich die Künstlerin besonders, da sie den Eindruck von weichen Kissen erwecken, denn in einer früheren Werkphase waren sie tatsächlich eine mit Watte gefüllte und übergipste Form. Diese Wirkung ist dem äusserst feinpudrigen Material zu verdanken, das während dem Giessen detailgenau abzeichnet. So entsteht eine plastikähnliche «Fake-Haut». Obwohl die Skulpturen in diesem Material erstarrt sind, lassen sich ihre Körper niemals auf eine eindeutige Menschen- und/oder Tierform festlegen. Sind die koboldartigen, heftig gemalten Figuren aus den Achtziger- und Neunzigerjahren nun in dreidimensionaler Form wiederauferstanden, oder wollte die Künstlerin ihren schwebenden Figuren Bodenhaftigkeit verleihen? Wie auch immer, die Skulpturen irritieren, scheinen in einem Prozess der Metamorphose begriffen zu sein, im Feld des «Noch-nicht» und des «Nicht-mehr», das unbewusste Sphären, Ungewissheiten oder Ahnungen erfasst.

 

Mit den Skulpturen, deren Nähmaschinennaht im Guss noch sichtbar ist, korrespondieren die genähten Zeichnungen, insbesondere diejenige, die auf die Umrisse eines Körpers reduziert ist. Die aus Linien gebildeten und in ihnen verstrickten Figuren und Gesichter scheinen direkt dem Inneren und der Phantasie der Künstlerin zu entstammen. Auch erinnern sie an die Koboldwesen, die ihre früheren Arbeiten einst bevölkerten.

 

 

 

Lebensstadien

 

 

 

Aufgemuntert werden die erdenschweren Wesen von einer frühlingshaften Brise, welche die bunten, luftigen, bald frivolen, bald sportlichen, jedenfalls hochaktiven <Paperdolls> von 2015 umflort. Sie sind aus Collagen von verschiedenen Tier- und Frauenfiguren hervorgegangen. Collagen faszinieren Klaudia Schifferle insofern, als sie stets einen Spiegel der Zeit einfangen. Die Künstlerin vergrösserte diese Vorlagen und übertrug sie detailgetreu auf die Leinwand. Auf formaler Ebene bezeugen sie ihr Interesse an der Puppengrösse, die so ganzheitlich wahrnehmbar ist und in ihrer Essenz und Dichte an Kraft gewinnt. Die Gestalten sind weder räumlich noch zeitlich verortet, sondern schweben in entgrenzten Zuständen. Mit ihrer Wachheit und forcierten Aktivität bilden sie einen Gegenpol zu den gnomenhaften Fabel- und Mischwesen aus ihrem Frühwerk.

 

Immer wieder treffen wir auf Stimmungsbilder, welche an frühere Werke von Klaudia Schifferle erinnern, die von Stadien aus ihrem Leben erzählen: als blutjunge Sängerin und Bassistin der legendären Frauenband <Kleenex> (später <Liliput>) oder als jüngste Teilnehmerin der documenta 7 in Kassel sowie als Preisträgerin für Junge Schweizer Kunst der Zürcher Kunstgesellschaft 1988 und der Stadt Zürich 2012. Schliesslich an Zeiten des Rückzugs in der Abgeschiedenheit eines Tessiner Bergdorfes in den Neunzigerjahren. Dies schildern abstrakte Bilder, in denen Naturkräfte gebannt zu sein scheinen, so das zweiteilige Werk <Landscape>, das Landschaften, Wasser, tektonische Schichten und kosmologische Vorgänge imaginiert. Gestisch wilde und bunteste Bilder mit allseitig explodierenden Acryllackströmen und –rinnsalen: so eine 4er Serie, evozieren den Ferveur ihrer heftig gemalten, starken, expressiven Bilder aus den Achtzigerjahren.

 

Seit ihrer Rückkehr nach Zürich im Jahr 2002 arbeitet Klaudia Schifferle mit ungebrochenem Elan weiter, mit oder ohne Atelier, mit oder ohne Galerie; schöpfend aus einer scheinbar nie versiegenden Quelle. Mutig und offen, humorvoll und verspielt, spiegelt Klaudia Schifferle bewusst die Welt in ihrer eigenen Sprache. Für die weiblichen Figuren, die die Welt oft im Alleingang erkunden, ohne sich einsam zu fühlen, nimmt sie sich selbst wie auch andere Frauen als Modell. Die hier präsentierten Arbeiten lassen uns immer wieder in Traumwelten tauchen und verraten einen Zwiespalt zwischen Weltflucht und Lebenslust. Sie zeugen von einer stets wachen Experimentierfreude und einer immensen Lust an der Farbe und am Material wie etwa Nagellack, von dem die Künstlerin als besonders «zeitgemässem Material» schwärmt. Das vieldeutige und facettenreiche Oeuvre von Klaudia Schifferle lebt wesentlich von der Synthese von Erlebtem, Geträumtem, Erfundenem und Überraschungen.

 

 

 

Klaudia Schifferle. Spaziergang im Übermorgen. akku Kunstplattform, Emmenbrücke. Bis 25.3.2018.                        

 

           

 

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