Sandra Senn — Zwischen zwei Meeren

Sandra Senn komponiert modellhafte Bilderwelten an den Schnittstellen zwischen Fiktion und konstruierter Wirklichkeit. Vermeintlich fotografische Abbilder in Form von seltsam angelegten Bildkonstruktionen zeigen schimärische Objekte und Skulpturen inmitten von übernatürlich wirkenden Landschaften.

 

 «Lieber schlendere ich oder lasse mich treiben, wie nasses Holz, dessen flüchtiges Zuhause der Flusslauf bestimmt.»

 

Mit dem lyrisch, bildlich gesetzten Text auf grossformatigem Papier beschreibt Sandra Senn als eigenständigen Werkteil prägnant den Werdungsprozess ihrer malerisch wirkenden Bilder, die zuweilen als vermeintlich fotografische Abbilder daherkommen. Sie zeigen schimärische Objekte und Skulpturen inmitten von übernatürlich wirkenden Landschaften. Die vornehmlich brüchigen, archaisch anmutenden Steinfiguren, wie etwa das <Pferdemonument>, könnten Fundstücke einer Ausgrabung sein. Die reduzierten Figuren, sowie die Texte der Künstlerin sind aufs Wesentliche konzentriert. Die Texte stehen jedoch eigenständig für sich und erweitern die Arbeiten der Künstlerin. Das Schreiben, so Senn «ermöglicht mir «eine Vergrösserung und Verdichtung meiner Denkräume».

 

Die Künstlerin schildert, wie sie beim Eintauchen in die Unmittelbarkeit der Umgebung ein Zwiegespräch mit den ihr begegnenden Dingen, etwa einem leuchtenden Blatt oder einem Stein, führt. Im Wunsch, diesen gegenseitigen Austausch nach aussen zu tragen, hält sie die flüchtigen Augenblicke fotografisch fest. Aus den Fotografien erstellt sie einen Fundus, der ihr als Rohmaterial dient. Die vorgefundenen Dinge stellt die Künstlerin in einen neuen Kontext mit einem fragenden Blick auf den Wirklichkeitsgehalt der Welt. Aus den eingesammelten Fundstücken komponiert Sandra Senn seltsam angelegte Bildkonstruktionen an den Schnittstellen zwischen Fiktion und konstruierter Wirklichkeit, und montiert sie zu grossen Tableaus als Pigmentdrucke. Der Pigmentdruck auf Büttenpapier verstärkt die Tiefenwirkung der Bilder, was den Arrangements eine geheimnisvolle Wirkung verleiht. Was hier künstlich beigefügt oder Abbild realer Situationen ist, ist kaum mehr feststellbar.

 

 

 

Metaphern für verflüssigte Gedanken

 

 

 

Bildeten vor einem Jahr noch funktionslose, bricolageartige, fragile Holzkonstruktionen und treibende Schiffe der Weltmeere die Behausungen für Erinnerungen, Gefühle und Erscheinungen, sind es jetzt mächtige und doch zerbrechlich anmutende Steinfiguren mit einem ruhenden, nach innen gerichteten Blick. Dazu meint Sandra Senn: «Ich glaube, es ist unser ruhender Blick, den wir auf die Welt richten, der der Welt ein ruhendes Zuhause gibt.» Die Steinfiguren thronen einsam in weiten, fast wüstenähnlichen Landschaften, die sich stellenweise in wässrigen Hintergründen auflösen. Im Verzicht auf Details gewinnen die Figuren in ihrer Kargheit eine starke physische Präsenz. «Es ist die Kraft, das Rätsel in der Form, das mich interessiert», meint Sandra Senn. Im Innern der Steinfiguren, so erzählt die Künstlerin, «verbergen sich liegengebliebene Düfte, Erinnerungen und Hoffnungen. Sie mussten vergessen gehen, mussten im Sand versinken, damit wir uns wieder an sie erinnern.»

 

 

 

Eine hohe, aus dem Meer aufragende Frauenbüste, die mit einem Pferdekopf verschmilzt, erinnert an Medusa und scheint uns ihr Geheimnis verraten zu wollen. Ein im Sand versunkenes <Pferdemonument> lässt an Zeiten denken, als noch wilde Reiterhorden durch ferne und nahe Welten sprengten. An einen Strand gespülte, beschädigte und erodierte Metallteile evozieren Schiffswracks und die mit ihnen untergegangenen Menschen und Schätze. Diese hob die Künstlerin ans Licht und setzte sie bildnerisch um. Die Bilder befremden in ihrer Ungewissheit, welche der sich teilweise verschleiernde Bildhintergrund verstärkt. Sie leben von einer rätselhaften Magie und sind für Sandra Senn Metaphern für verflüssigte Gedanken.

 

Sam Scherrer Contemporary, Zürich, bis 25.11.

 

Kontakt:

Feldstrasse 60

8004 Zürich

Tel:  079 3777505

Fax:  0442623635

Mail: dvonburg1@bluewin.ch