Wim Delvoye Eine irritierende Reise zwischen Verheissung und Kloake

Wim Delvoye operiert mit ästhetischen Widersprüchen, nimmt en passant ganze Kunstepochen auf die Schippe und löst damit Provokationen und Irritationen aus. Er verbindet nicht nur Alltagsfunktionen mit Dekorativem, mit Altem und Zeitgenössischem, sondern kontrastiert barocke Dekorationen mit abscheulich Absurdem und verschiebt die traditionellen Grenzen zwischen Edlem und Unreinem.

 

Pünktlich jeden Morgen um 10.30 Uhr und jeden Nachmittag um 16.30 Uhr erhält die <Cloaca>, eine biochemische Anlage, die den menschlichen Verdauungsvorgang simuliert, eine Mahlzeit aus dem Bistrot des Museum Tinguely. Damit läuft die Verdauungsmaschine, und sie produziert dank Enzymen und anderen Stoffen Exkremente, die sich optisch kaum von menschlichen Fäkalien unterscheiden. Diese werden dann, in Folie eingeschweisst und in einem durchsichtigen Quader verpackt, als Kunstwerke verkauft. Die Folie trägt den Schriftzug <Cloaca> und erinnert an die <Merda d’artista> von 1961, der in Dosen abgefüllte Kot des Künstlers Piero Manzoni.

 

Der Apparat gleicht einer nüchternen Biochemie-Laboranlage, kombiniert mit einer Waschmaschine und scheint auch in mobiler Ausführung im Koffer <Cloaca Travel Kit>, 2009-10, funktionstüchtig zu sein. Nach seiner Idee gefragt, antwortet Wim Delvoye (*1965, Wervik), dass alles im modernen Leben nutzlos sei. Das wertloseste Objekt, das er noch erschaffen konnte, sei eine Maschine, die überhaupt keinen Zweck erfüllt, ausser der Umwandlung von Nahrung in Exkremente. Trotz seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit den <Cloacas> scheint er wohl die nicht erst seit Sigmund Freud und seinen Nachfolgern stipulierte enge Beziehung zwischen Kot und Geld als Sinnbild für die Verdrängung des Trieblebens übersehen zu haben. Dies, obwohl ihm die Metapher für eine allseitig käufliche Welt, ein grosses Anliegen ist. Übrigens ist die weltweite Nachfrage nach diesen künstlichen und doch realistischen Exkrementen so immens, dass Delvoye mittlerweile eine Warteliste für Interessenten führt.

 

Jedenfalls stellt er in seinen Arbeiten mit subversiver Ironie und einem kräftigen Schuss Humor die standardisierten Wertvorstellungen einer konsumorientierten Gesellschaft in Frage. So ist Wim Delvoye fasziniert von der Vorstellung, dass der ökonomische Wert eines Schweins steigt, sobald seine Haut mit Labels verziert ist. Daher begann der Künstler 1997 im Rahmen seines Projektes <Art Farm> mit dem Tätowieren lebender, immerhin narkotisierter Schweine. Weil das juristisch umstritten war, eröffnete er in China, wo das Tierschutzgesetz lascher ist, eine Farm für Kunstschweine. Diese wurden mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Designs tätowiert, einschliesslich Motive wie Schädel und Kreuze, aber auch Louis Vuitton-Logos. Später kam der Schweizer Tim Steiner an die Reihe, für dessen Rücken Wim Delvoye eine Tätowierung entwarf, das Matt Powers ausführte. Die Kunstaktion sorgte für erhebliche Provokation, weil Tim Steiner seinen vollständig tätowierten Rücken mit Totenschädel und Madonna 2008 für 150 000 Euro an den deutschen Kunstsammler Rik Reinking verkaufte. Für diese Summe verpflichtete sich Steiner, das Kunstwerk jährlich für einige Wochen zu präsentieren, — so war «TIM» während der Art Basel als lebendiges menschliches Kunstwerk im Museum Tinguely zu begutachten — und nach seinem Tode wird die Hautpartie dem Käufer oder dessen Erben übergeben.

 

Während von Reliquien oder anderen religiösen Artefakten innerhalb eines verbindlichen sakralen Systems eine magische, heilende Kraft erwartet wird, gerät der «verkaufte» Rücken von Tim Steiner auf die Stufe blosser Handelsware und bildet so eine prägnante Metapher für die alles verobjektivierende und vereinnahmende Tendenz im Kapitalismus. Auch die damit einhergehende Sinnentleerung, besonders wenn es sich um paradoxerweise Ikonen handelt, thematisieren die als Doppelhelix der DNA angeordneten Bronzefiguren des gekreuzigten Christus’.

 

Ist der Verdauungstrakt als Grundlage des Lebens an sich verstanden und gewinnt durch die grosse Demonstration die Bedeutung, welche ihm gemäss den Worten «Zwischen Kot und Urin werden wir geboren» des heiligen Augustinus zusteht, so bildet das Ornament die Grundlage der Gestaltung, der Freude und des Luxus. Zahlreiche der ausgestellten Werke sind mit Ornamenten aus der Gotik, dem Barock, aus der persischen oder indonesischen Handwerkskunst opulent angereichert: Denkt man nur an die überdimensionalen lasergeschnittenen Stahlskulpturen, die von Hand geschnitzten LKW-Reifen, aber auch Bügelbretter mit Heimatwappen oder Gasflaschen mit Delfter Porzellanmalerei. Seit Delvoyes frühen Werken — dazu gehören selbst die in der Basler Ausstellung präsentierten Kinderzeichnungen — sind die Themen der Verdauung und des Ornaments präsent, die durch die vordergründig ironische Haltung des Künstlers zusammengehalten werden. Doch grundsätzlich geht es ihm um die Hinterfragung des Kunstsystems, der oft prekären Bedingungen der Kunstproduktion und schliesslich um eine Auseinandersetzung mit Phänomen der Welt und der Gesellschaft selbst. Daher baut seine Kunst stets auf den Dialog mit der Realität, respektive dem Leben. Der Künstler schafft verfremdete Objekte, die meist im Baugewerbe vorkommen, und im flämischen Barockstil des 17. Jahrhunderts gestaltet sind. Dem monumentalen <Cement Truck>, 2016, dessen Formen komplett in neugotisch, filigraner Manier aufgelöst sind, stellt Delvoye die unerhörte Kraft von Maschinen gegenüber.

 

So operiert Delvoye mit ästhetischen Widersprüchen, nimmt en passant ganze Kunstepochen auf die Schippe und löst damit Provokationen und Irritationen aus. Er verbindet nicht nur Alltagsfunktionen mit Dekorativem, mit Altem und Zeitgenössischem, sondern kontrastiert barocke Dekorationen mit abscheulich Absurdem und verschiebt die traditionellen Grenzen zwischen Edlem und Unreinem. Die <Cloacas>, die zunächst unsere Sehgewohnheiten stören, mögen auch eine Antwort sein auf die zunehmende Roboterisierung und Automatisierung unserer Gesellschaft. Damit steht Wim Delvoye in enger Genossenschaft mit Jean Tinguely, auch er ein lausbubenhafter Provokateur. Mit seinen ab 1959 erstellten Malmaschinen <Meta-Matics> konnten die Benutzer auf mechanischem Wege abstrakte Kunstwerke herstellen, von denen keines dem anderen glich. Hier wie dort wird die moderne Industrie- und Digitalwelt wie auch der Kunstbetrieb durch ihre Absurdität ironisch hintertrieben und grundsätzlich hinterfragt.

 

 

Zur Ausstellung im Museum Tinguely, die in enger Zusammenarbeit mit dem MUDAM Luxembourg erfolgte, ist ein Katalog mit Texten von Roland Wenzel, Enrico Lunghi, Michel Onfray, Tristan Trémeau und Sofia Eliza Bouratsis erschienen.

Publ. in: Kunstforum Nr. 250, Oktober/November2017.

 

 

 

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