Peter Roesch — Die Kraft von leisen Tönen und energetisierenden Farbräumen

Die künstlerische Arbeit von Peter Roesch ist das Werk eines nomadisierend Suchenden in eigenen und fremden Bildwelten. Immer wieder befragt er das Bild aufs Neue, und ist dabei in einem steten Fluss der Weiterentwicklung und Formfindung begriffen. Die meist grossformatigen Malereien scheinen spontan entstanden zu sein. Dieser Eindruck täuscht, denn die Kompositionen werden in einem länger andauernden Prozess entwickelt. Nun zeigt der Künstler in den Galerieräumen ein konzentriertes Extrakt seines Schaffens. Daraus wird ersichtlich, dass eine innere Kohärenz im gesamten Oeuvre besteht.  

Das Foyer der Galerie erstrahlt vor Farbräumen in knalligem Orange, gedämpftem Violett und strahlendem Gelb. Der Gesamteindruck mit der frischen und unvoreingenommenen, auch sehr gewagten Kombination von Werken ist äusserst energetisierend. Beschränkt auf wenige intensive Farben, neben Schwarz und Dunkelgrau, entwickelt Peter Roesch für sich stehende Farbräume und legt heftig ausschwingende Linien darüber. Seine Arbeit ist von einem freien Geist und einem damit verbundenen Bewegungsspiel geprägt, das sich jedoch dezidiert von der Gestik abgrenzt. Dies zeigt das grossformatige, orange Bild exemplarisch, das von lose angeordneten Gittern strukturiert ist, deren Farbe in einem Spiel zwischen Weiss, Grau, Türkisschimmer und Kalkfarben changiert. Dagegen sieht man sich beim violetten Werk, einem 16-seitigen Heft, das ein Konglomerat aus freien Linien darstellt, einem atmenden, pulsierenden Geschehen gegenüber. Daneben lebt ein kleinformatiges Bild von kreisförmigen, gelben Wollknäueln ähnlichen Weltkugeln oder Planeten, <Four Yellow Balls>, 2012/17, die luftig und tänzerisch im Bildraum schweben. Die Bilder leuchten und vibrieren vor Energie, was dem Künstler ein fundamentales Anliegen ist. Die bildnerischen Strukturen scheinen zwischen chaotisch dahintreibenden und fliessend harmonischen, damit Halt verschaffenden Zuständen zu pendeln, die Peter Roesch folgendermassen kommentiert: «Wenn Chaos und Ordnung nebeneinander bestehen, dann ist es schön».

 

 

 

Überrascht vom eigenen Tun

 

 

 

Mit einem Energieschub erweckt der Künstler das Chaos. Er lässt sich von den Bewegungen des Stiftes oder des Pinsels intuitiv leiten, bis er an einem bestimmten Punkt das Bildgeschehen zu strukturieren beginnt. Dann und wann schleichen sich auch Wesen und verschiedenste Motive aus der Kunstgeschichte oder der Popkultur hinein. Roesch liebt es ungemein, vom Bildwerdungsprozess überrascht zu werden: «Ich male, bis ich überrascht bin, bis das Bild leuchtet.» Dies ganz im Gegensatz zu früher, als er die Kontrolle behalten wollte. Das Bild mit einem in einer ungewissen und uferlosen Weite schwimmenden blauen Hund rührt den Betrachtenden ungemein an. In seiner Verlorenheit erinnert er an Francisco de Goyas Gemälde <El perro>. Doch vom Künstler erfahre ich, dass es trotz des Bildtitels «Blauer Hund» keine Absicht war, einen Hund zu malen, sondern schlicht das zufällige Resultat von Übermalungen sei, welche in der grauen Bildfläche eine hundeähnliche Konfiguration offengelassen haben. Tatsächlich werden von nahem die verschiedenen Phasen des Entstehungsprozesses wie Malschichten, Spuren von Übermalungen und Ablagerungen auf der Leinwand sichtbar. Auch weitere, scheinbar einfach zu deutende Werke wie <Sphinx>, 1997, <Four Heroes>, 1999/2017 oder <Drei Könige>, 2017, stehen mit dem Sichtbaren in keinem offensichtlichen Zusammenhang und legen nahe, dass Bildinhalte nur noch als Vorwand für den malerischen Akt relevant sein könnten.

 

 

 

Vielschichtiges Gewebe

 

 

 

Die Bilder oszillieren zwischen freier Form und Erzählung, zwischen Malerei und Zeichnung, zwischen Abstraktion und Figuration. Ebenso relevant sind vergangene und gegenwärtige Bildschöpfungen, Erinnerungen und Assoziationen an Mythologisches und Ikonographisches, die Roesch zu einem vielschichtigen Gewebe verknüpft. In dieser Textur wuchern die Bildsegmente oder verknäulen sich zu einem oft chaotischen, nicht leicht deutbaren Gewirr aus tänzelnden Linien und Flächen, wie etwa die oft übermalten Kugelbilder. Roesch hat immer wieder zeichnerische und malerische Gestaltungsmittel auf eigensinnige Weise miteinander kombiniert und konfrontiert, so wenn er Zeichnungen nachträglich malerisch weiterentwickelt oder eine abstrakte Komposition von Liniengebilden dominieren lässt, so <Überfahrt>, undat., oder Bildvorlagen dynamisiert. Die neuere Serie <Mexican Cathedrals>, 2014/16, beruht auf Fotografien von mexikanischen Kathedralen im spanischen Barock und einem Begleittext von Hugo Loetscher aus einem alten Du-Magazin. Die lebhaft bewegten Fassadengliederungen und opulenten Barockformen sind so überzeichnet und übermalt, dass sie vor quirliger Lebhaftigkeit und Vehemenz strotzen.

 

Der Künstler verdichtet seine Motive, nimmt vielfach Motive oder Formen, die sich ergeben haben, in einem nächsten Werk wieder auf und variiert sie. Er lässt sich auf das Moment der Transformation ein, die von Bild zu Bild fortschreitet. Es entstehen vielschichtige Kompositionen, in denen Konfigurationen hinter Übermalungen verschwinden und andernorts wieder auftauchen.

 

 

 

Fragile, offene Systeme

 

 

 

Auf meine Frage, ob Peter Roesch seine Kunst bewusst ästhetischen Kriterien verweigert, damit die Entstehung des Werks brüchig bleibt und als künstlerischer Akt offen gehalten werden kann, antwortet er, dass er keinesfalls ein Werk fertigzustellen gedenkt. Es ist für ihn wichtig, dass es verletzlich und unfertig bleibt. Zelebrieren lässt sich diese Offenheit idealerweise mit der Zeichnung. Sie dient Roesch dazu, seine Gedanken künstlerisch zu formulieren. Das zeichnerische Prinzip ist wesentlich für den Bildfindungsprozess und beeinflusst die malerische Arbeit. Mit ihr dringt Roesch abtastend und ergründend in letztlich unbekannte Vorstellungsräume vor. Er spricht von einer Zeichnung bald als Ereignis, bald als Handlung, die sich mal als heftig, mal als unbeholfen erweist. Oft scheinen die Kompositionen zu wuchern mit sich darin verheddernden figürlichen Elementen. Die Wesen verlieren sich oder binden sich an wirbelnde Schlenker, die mit bald zartem, bald kräftigem Pinselduktus auf dem Bildträger festgehalten sind, so <Umarme mich>, 2013.

 

Der Künstler lässt sich auch von der Materialität der Mittel leiten. Vom Stift, vom Pinsel und ganz besonders von der Leuchtkraft der Farbe. So bringt er die Materie der Farbe zur Geltung, indem er sie in ihren Bestandteilen belassen vorführt als dünnen oder wolkigen Farbauftrag oder so transparent, dass die Malerei weit über die Malfläche hinaus strahlt. Wird die Farbe dicker aufgetragen, mutet sie körperhaft an und eröffnet da und dort Räumlichkeit. Jedenfalls erlebt man diese Malereien als Farbräume von intensiver Präsenz, die in die Tiefe dringen und über ihre Begrenzung hinausgreifen. Räume sind ein wesentliches Thema, mit dem sich der Künstler immer wieder von neuem auseinandersetzt. Er formuliert Räume nicht nur als Schauplätze für Gefühle, Träume, Reflexionen, Mythisches oder Triviales und assoziative Spielereien, sondern auch als Raumgestaltungen für Kunst am Bau-Projekte. Für Schulhäuser, Wohnüberbauungen und den Lido Luzern entwickelte und gestaltet er nach wie vor Farbkonzepte, welche die Architektur in einem Energiefeld der Farben aufzulösen scheint. Besonders die Schulanlage Scherr in Zürich, wo Roesch von Anfang an als Teil des Projektteams der Patrick Gmür Architekten AG fungierte, besticht durch die gewagte Farbkombination von Pink, Orange und Gelb sowie Stahlblau. Diese Farbtöne, die auf den Betonwänden schichtweise, horizontal mit einem breiten Pinselstrich wie bei einem Gemälde aufgetragen sind, verändern sich durch den Lichteinfall immer wieder und lassen durch die gegenseitige Reflektion auf der Wand wie im Raum Mischfarben entstehen und produzieren damit abwechslungsreiche Atmosphären.

 

So sind die Werke der Ort, wo Unvorhersehbares stattfindet, wo Bilder in einem steten Fluss auftauchen, in einem weiteren Werk kopiert werden, um in einem dritten wiederum im Bildgrund zu versinken. Abschliessend möchte ich die Bildgenese mit den Worten von Peter Roesch beschreiben: «Das ist wie ein Sog. Man findet seine eigene Bildsprache, lebt darin. Malerei wird spannender, je tiefer man hineingerät, aber auch immer schwieriger.»

 

 

 

Peter Roesch, Galerie & Edition Marlene Frei, Zürich, bis 14.10.2017

www.marlenefrei.com

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