Jürg Stäuble — Mehr sein als System

Die retrospektiv angelegte Ausstellung lässt das fast fünfzig-jährige Schaffen von Jürg Stäuble Revue passieren. Die facettenreichen Werke sind auf dem Humus von Land Art, Minimalismus und Konzeptkunst gewachsen und werden gleichzeitig mithilfe kalkulierter Irritationen und assoziativer Spiele unterwandert.

Wellenförmige Säulen versetzen den Saal im dritten Obergeschoss des Haus Konstruktiv scheinbar ins Wanken. An ihrer Seite erinnern zwei Bodenarbeiten aus schwarz glänzenden, aneinanderstossenden Kreisflächen aus MDF an kleine, dunkle Weiher. Eine Art grauer, am Boden kriechender Tatzelwurm aus Karton überrascht das Publikum, während lilafarbene wolkenähnliche Gebilde oder eine an der Wand hängende Schlaufe für eine poetische Note sorgen.

 

Jürg Stäuble (*1948, Wohlen, lebt und arbeitet in Basel) verfolgte nie den Ansatz eines streng konstruktiv arbeitenden Künstlers, auch wenn die in Zeichnungsserien angelegten mathematischen Konstruktionsprinzipien den Ausgangspunkt seiner Arbeiten bilden. Anfänglich, in den frühen Siebzigerjahren, zeichnete er Landschaftsbilder nach minimalistischen Kriterien und gestaltete in konkret-plastischer Manier einfache Abfolgen wie Faltungen, Biegungen, Drehungen und Schichtungen. Diese anfängliche Strenge brach Stäuble ab 1978 mit Arbeiten und Installationen mit Spiegeln, Seifen und Make-up auf. Als er 1983 mit postminimalistischen Werken zu einer rigoroseren Formensprache zurückkehrte, behielten seine Arbeiten das sinnliche Moment. Dies bezeugen sowohl die geschnittenen Eisenbleche mit splittrigen, erodiert wirkenden Rändern als auch die schwarzen, kompakt und geschlossen wirkenden Kegel mit elliptischer Grundfläche. Die zugrundeliegenden geometrischen Strukturen sind wohl erkennbar, dennoch drängt die sinnliche nmutung der Objekte das rein Konstruktive in den Hintergrund. Auch bei den Arbeiten aus Styrofoam, Styropor und Jackodur springt die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ins Auge. Das industriell produzierte, sperrige Material bringt Stäuble in biegsam wirkende Formen, indem er die zerbrechlichen Teilstücke legospielartig zusammenfügt und sie teilweise zu grösseren Konstellationen, zuweilen zoomorph anmutenden Formen, verleimt.

 

In seiner charakteristisch prozessualen, tüftelnden Arbeitsweise reizt Jürg Stäuble den Punkt aus, an dem ein Regelwerk nicht mehr zu bändigen ist und ausbricht, sobald es nicht mehr den selbst gesetzten Regeln folgt. Mit ihnen spielt der Künstler auf traditionelle, ideologische oder soziopolitische Normen an. Ihnen begegnet er mit Abweichung, Vielgestaltigkeit und Wandlung. Dabei sucht Stäuble weder den Kompromiss noch eine Synthese; vielmehr oszillieren seine Arbeiten zwischen den gegensätzlichen Polen von Systematik und den Ausdrucksweisen der Intuition, Spontaneität und der Sinnlichkeit. In diesem latenten Vorstellungsraum entfalten sich das Potenzial und die Kraft seiner Werke.     

 

 

Jürg Stäuble — Mehr sein als System, bis 3.9., Museum Haus Konstruktiv

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