Art brut — Insider — Outsider

Die zunehmende Popularität der Art Brut führt zu immer mehr Gründungen von Art-Brut-Museen und wirkt sich auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb aus. Ein Grund dafür mag sein, dass die wachsende Virtualisierung unserer Lebenswelt zum Ausgleich nach Authentizität und haptischen Qualitäten verlangt.

Wer käme schon auf die Idee, aus einer Besenbürste ein Gesicht mit einer Punkfrisur zu gestalten, aus Muscheln fantastische, blinkende und farbenfrohe Universen zu schaffen oder Soldaten in Form von Kopffüsslern darzustellen? Solche Werke sind gegenwärtig in den Räumen des Musée Visionnaire zu besichtigen. Die Ausstellung hat sich zum Ziel gesetzt, anhand von über hundert Werken die Begriffsverwirrung zwischen Art Brut, Naiver Kunst, Volkskunst, Visionärer Kunst und Avant-Pop zu klären.

 

Bekanntlich prägte der französische Maler Jean Dubuffet (1901 – 1985) 1949 den Begriff der Art brut. Dieser bezeichnet autodidaktische Kunst von Laien, Kindern oder Menschen mit einer geistigen Behinderung; jedenfalls eine Kunst jenseits etablierter Formen und Strömungen. Mit der Zeit ist dieser Begriff in viele Unterbegriffe aufgefächert worden, bis der englische Kunsthistoriker Roger Cardinal 1972 den Begriff «Outsider Art» prägte, der alle diese Kunstformen umfasst. Eindeutige und prominente Vertreter der Art Brut sind Aloïse Corbaz (1886-1964) und Paul Amar (*1919). Ihre einzigartigen, oft symbolisch aufgeladenen und hermetischen Welten sind ausschliesslich ihren inneren Visionen entsprungen, die überdies ein komplexes narratives Repräsentationssystem widerspiegeln. Dagegen lassen sich Vertreter der Naiven Kunst, wie Max Raffler (1902-1988) und Otto Haller (1900-1975) von der direkten Umwelt inspirieren und stellen diese geschönt und meist auf eine fast minuziöse Art und in klassischer Sprache dar. Ausdrucksformen von psychisch Kranken mögen durch eine Vorliebe für Reihen und Abfolgen sowie eine beschränkte Anzahl von wiederkehrenden, das Bildgeviert sprengenden Themen charakterisiert werden. So etwa die Werke von Benjamin Bonjour (1927-2000), die von unzähligen, farbintensiven Quadrätchen aufgebaut sind und sich zu himmelstürmenden Gebäuden auftürmen.

 

Doch abgesehen von diesen klar definierten Positionen helfen Kategorisierungen im Grunde nicht weiter. Beim Ausstellungsrundgang wird evident, dass die Grenzen meist fliessend sind und Begrifflichkeiten der ungeheuren Fantasie, der immensen Fabulierlust und der oft obsessiven Kraft der Werke kaum gerecht werden. Die Mehrzahl der Künstler hat ihren Stil und ihre Technik autodidaktisch erlernt und oft jahrelang unentdeckt mit bescheidenen Mitteln und Materialien gearbeitet, ohne sich nach aktuellen Trends zu richten. Die unter solchen Bedingungen produzierten Werke offenbaren einen tiefen Einblick in die Quelle der Schöpferkraft.    

 

 

            Musée Visionnaire Zürich, bis 11. Juni 2017           www.wwwmuseevisionnaire.ch

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