The Dark Side of the Moon — Das Abgründige in der Kunst

Hochaktuell ist die Ausstellung eines beeindruckenden, facettenreichen Panoramas gesellschaftlicher Verwerfungen und menschlicher Abgründe. Mit dem Thema wird ein Rahmen gesetzt, in dem die unterschiedlichen Werke in einem atmosphärisch dichten Ambiente ihre eigene Wirkmächtigkeit entfalten können.

Eine Frau in schwarzem Latexoverall kriecht am Boden umher, um ihn aufzunehmen, verwischt aber nur rotgefärbtes Wasser. Anschliessend deckt sie einen Tisch mit Tellern, fischt aus ihrer Jacke rohe Fleischteile, zerschneidet diese mit einem langen Messer in kleine Stücke, legt sie auf die Teller und serviert diese dem Publikum. Die verstörende Performance von Mona Hatoum (*1952) ist in der Videoarbeit „Variation on Discord and Divisions“ (1984) dokumentiert.

 

Die palästinensisch-britische Künstlerin ist eine gewichtige Stimme in der eindringlichen Ausstellung über gesellschaftliche, politische und existentielle Abgründe. Unter dem Titel „The Dark Side of the Moon“ — in Bezugnahme auf eine Textzeile aus dem Konzeptalbum von Pink Floyd von 1973 — sind Werke aus den 80er-Jahren mit Gegenwartskunst, aber auch mit Altmeistergrafik kombiniert. Sie fächert ein beeindruckendes, weit verzweigtes Panorama gesellschaftlicher Verwerfungen und menschlicher Abgründe auf und ist hochaktuell. Mit dem Thema wird ein Rahmen gesetzt, in dem die Kunstwerke in einem intensiven atmosphärischen Ambiente ihre eigene Wirkmächtigkeit entfalten können. Der Betrachtende fühlt sich unmittelbar an die omnipräsenten Gewalts- und bedrohlichen globalen Kriegsszenarien gemahnt.

 

„Terrorizer“ schreit es in tropfenden knall-roten Gothic-Lettern, die auf der obersten Leiste eines Holzgerüsts angebracht sind, dem Publikum entgegen. Darunter sind ellipsoide, grauschwarze Schilder aufgereiht und mit Begriffen wie „World Downfall“, „Injustice“, „Enslaved by Propaganda“ oder „Fear of Napalm“ beschriftet. Diese eigentlich werbestrategische Aufmachung spielt auf Themen in der Ausstellung an. Der französische Künstler Damien Deroubaix (*1972) sampelt aus Undergroundcartoons, Versatzstücken aus der Death-Metal-Kultur, der Werbung, der Alltags- und Popkultur und der globalisierten Volkskunst. Es entstehen malerische, mitunter plakativ anmutende Tableaux mit Szenen eines imposanten, endzeitlichen Pandämoniums. In dieser gewaltigen Bildwelt trifft man auf zahlreiche kunsthistorische Assoziationen, etwa zu den hier präsentierten Blätter aus der Folge „Die Apokalypse“ (1496-98) von Albrecht Dürer (1471-1528), den Radierungen „Les Grandes Misères de la Guerre“, 1633, von Jacques Callot (1592-1635) sowie zu den trashigen Zeichnungen (1988-1995) von Raymond Petitbon (*1957). So stürzen meist grossformatige, apokalyptische Bildwelten von nicht zu überbietender Düsternis und Gewalttägigkeit auf den Betrachtenden ein, die in ihrer unmittelbaren Präsenz betroffen machen. Von einer nicht minder pessimistischen Weltsicht voller bedrückender Vorahnungen eines drohenden Untergangs sprechen Marcel van Eedens (*1965) düstere, nächtliche Stadtansichten. Auch der holländische Künstler bedient sich der medialen Bilderflut, namentlich alter Zeitschriften, Magazinen, Bücher, anonymen, kaum zu identifizierenden Fotografien oder sonstiger Flohmarkttrouvaillen, die sämtlich vor seiner Geburt 1965 datieren, wie es sein künstlerisches Konzept verlangt. Mit Nero-Grafitstift bringt er seine Zeichnungen auf meist grossformatige Blätter. Die Motive, Inhalte und die Technik vermitteln den Werken einen oft diffusen, mysteriösen und beunruhigenden Ton. Wohl sind seine Kompositionen der 50er-Jahreästhetik verpflichtet, doch könnten die Ansichten leerer Strassenzüge irgendwelche Unorte zu irgendeiner Zeit darstellen, hätte der Künstler nicht in ungelenker Schrift, Ort und Datum der Fotografie vermerkt.

 

Ebenso wenig verortet und in einer Leere schwebend, sind die Gefangenen mit verbundenen Augen aus der 20-teiligen Serie „Blindfolded“ (2001/02) von Marlene Dumas (*1953). Die Papierarbeiten evozieren die nur allzu vertrauten Medienbilder, in denen Gefangene mit verbundenen Augen vor ihrer Exekution der Kamera vorgeführt werden. Ausgehend von dokumentarischen Fotografien aus Zeitungen transformiert die südafrikanische Künstlerin mit ihrer malerischen Geste die Abbilder in unheimliche, fesselnde und berührende Bilder. Die Unausweichlichkeit des bevorstehenden Schicksals der Abgebildeten wird dem Betrachtenden schmerzhaft vor Augen geführt. Ganz im Gegensatz zu dieser vereinnahmenden, sinnlichen Kraft muten Martin Dislers (1949-1996) zerbrechlichen, verrenkten, sich aufbäumenden Gipsfiguren im abgedunkelten Foyer des Obergeschosses fast schon gespenstisch an. Der Künstler hatte die Skulpturengruppe — mittlerweile im Besitz der Sammlung des Kunstmuseums St. Gallen — 1987 in der Ausstellung „Das Gedränge der Götter. Der Wucher des Menschen“ im barocken Tanzsaal des Palais Liechtenstein in Wien inszeniert. Die Figurinen scheinen in einem durch Eros und Thanatos verstrickten Tanz gebannt zu sein. Disler beschrieb die Skulpturen als „meine Sprache mit den Toten zu sprechen“, als „helle Geschöpfe in dunkler Nacht (die Sendboten meiner Freiheit und Mitinsassen meiner Gefängniszelle) ...“ und nannte sie aus heutiger Sicht visionär und unvergleichlich treffend „Die Tänzer des Heute über dem Abgrund“.

Kunstmuseum St. Gallen, 9.7. bis 23.10.2016

 

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