Brigitte Lustenberger

Die fotografischen Bilder von Brigitte Lustenberger sind dem ersten Anschein nach nicht als Fotografien identifizierbar. Mit ihrer Rätselhaftigkeit, den weichen Konturen und den tiefgründigen Strukturen wirken sie eher wie Gemälde, zumal sie wie Gemälde komponiert sind und deren Aussagekraft besitzen.

 

Die aussergewöhnlichen, analog fotografierten Aufnahmen funktionieren wie Filmstills, insofern als jedes Bild für eine ganze, in sich geschlossene Geschichte steht. Sie zeigen schlichte Motive, wie Porträts, Blumenstücke und Insektenbilder. Brigitte Lustenberger inszeniert sie mit Chiaroscuro-Effekten auf eine höchst ästhetische Weise und zuweilen mit theatralischen Gestaltungsmitteln. Präsentiert sind sie als C Prints, in Leuchtkästen oder als Dia-Projektionen, und sie führen uns in die Wunderwelt der Künstlerin.

 

Sie sprechen zunächst vom Interesse der Künstlerin am Medium an sich, nämlich an seiner Geschichte, sowie der Ambivalenz zwischen dem technischen Apparat und dem subjektiven Bild. Abgesehen davon reflektiert sie in ihrer Arbeit die Möglichkeit der Fotografie, einen Augenblick festzuhalten sowie seine Bedeutung für die Abgebildeten wie auch für den Betrachtenden. Das besondere Verhältnis von Bild und Abgebildetem kommt für Lustenberger vor allem in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Abbild zum Tragen; denn wer ein fotografisches Selbstporträt in der Hand hält, ist ja zugleich im Bild und ausserhalb des Bildes.

 

 

 

Die Stillleben und Porträts erinnern an Gemälde Rembrandts, Caravaggios oder die spanische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Nicht nur die Kompositionen, die atmosphärische Wirkung, die Detailgenauigkeit, sondern auch die Lichtregie sind von barocken Werken beeinflusst: Da wie dort heben sich die Sujets dank des kunstvollen Farbeinsatzes und der Hell-Dunkel-Effekte vom schwarzen Grund ab. Lustenberger hat die Personen – hier einen Mann -  lediglich seitlich von Tageslicht beleuchten lassen. Aufgrund der langen Verschlusszeit wird der gesamte Hintergrund verdunkelt, und desto kontrastreicher können dadurch die Gesichtszüge des Porträtierten geformt und akzentuiert werden. Ferner spielen die Werke mit der Frage, was real und was Fiktion ist, was vorhanden und was verborgen ist oder auch, was die Betrachtenden aufgrund ihres kollektiven und individuellen Gedächtnisses in die Fotografien projizieren.

 

 

 

Gerade anhand der sparsam disponierten Bilder können die Betrachtenden zu Assoziationen angeregt werden. Die Fotografin lenkt den Blick des Publikums in eine bestimmte Richtung und lädt damit gleichzeitig ein Bild mit Bedeutung auf. Das Mysterium des Blicks ist eines der Leitmotive in Lustenbergers Schaffen, begegnen wir doch immer wieder den hell im Licht aufscheinenden Gesichter, oder auch von Blumenarrangements, bevor sie teilweise, respektive ein Teil des Gesichts, vom dunklen Hintergrund aufgesogen werden und sich so dem Blick des Betrachtenden partiell entziehen.

 

Im Dyptichon «Don’t» zieht der porträtierte Mann den Betrachtenden mit seinem eindringlichen Blick in seinen Bann und scheint ein Zwiegespräch zu fordern.

 

 

 

Die Erforschung des eigenen Blicks setzt Lustenberger in technisch frappante, teilweise auf die Lichtführung Rembrandts rekurrierende Bilder fest. Etwa im schon erwähnten Dyptichon, das einen Mann leicht abgewandt von der Kamera zeigt, dessen Gesicht sich im goldbraunen, warmen Licht aus der Mitte des schwarzen Bildraums löst. Die markanten Züge des Gesichts mit dem dezidiert geschlossenen Mund wird durch den Hell-Dunkel-Kontrast etwas gemildert. Entlang der hohen Stirn, der Nase und des Halses fliesst ein Hauch von Tageslicht und ringsherum herrscht Dunkelheit. Er wird so zu einer geheimnisvollen Persönlichkeit und strahlt eine ungeheure Präsenz aus. In leisester Andeutung ist der Ansatz eines T-Shirts oder Pullovers wahrnehmbar. Die übrige Körperlichkeit bleibt im Dunkeln. Wir Betrachtenden erhalten nur minimale Angaben, und doch hat die Fotografin das Wesentliche eingefangen, sodass wir uns den Rest mit unserer Fantasie ausmalen können. Die Person ist nicht verortet, scheint ausserhalb von Raum und Zeit zu sein. Der Porträtierte findet sich in einer Leere wieder, scheint darin festzusitzen und ist geradezu provokativ dem Blick des Betrachtenden ausgesetzt; ...  oder sind es letztlich gar wir, die betrachtet werden? Diese Ungewissheit lässt uns verunsichert, ja irritiert zurück und fordert uns zum genaueren Wahrnehmen heraus.

 

 

 

In früheren Fotoserien hat Brigitte Lustenberger akribisch den Alterungsprozess registriert, und damit ihre Faszination für Werden, Sein und Vergehen zum Ausdruck gebracht. Immer wieder versucht sie dem Mysterium der Zeit beizukommen. Fassbar ist die dahin fliessende, die oft rasend schnell verfliegende Zeit vielleicht in einem Augenblick, in dem ein Bild mit der Kamera fixiert werden kann – denn wenig später ist er schon wieder entschwunden. Neben dem eingefangenen Moment, der nichts mehr als eine Darstellung der Vergangenheit ist, begegnet uns spürbar das unausweichlich Vergängliche und Zerbrechliche, das eine eigene Schönheit ausstrahlt. Diese Art von Schönheit liebt Brigitte Lustenberger und zelebriert sie, besonders in Form von verwelkenden Blumen, so einer Mohnblume, oder von Lilien, Tulpen, Löwenzahn oder Sonnenblumen; aber auch angesichts eines beschädigten Schmetterlingsflügels oder von zersetzten Insekten. Die toten Insekten hat die Künstlerin in Kellern und leeren Häusern gesammelt und auf Tellern oder unter Gläsern aufbewahrt.

 

Im Laufe der Zeit sammelten diese Staub an, verloren ein Bein oder einen Flügel oder wurden von räuberischen Insekten aufgefressen, welche ihrerseits Spuren mit ihrem Kot hinterlassen haben. Derart werden Schrecken, Abscheu  und Wunder miteinander verschmolzen, was uns die Schönheit verblühter Dinge und Wesen vor Augen führen soll.

 

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass Brigitte Lustenberger das Barocke liebt, insbesondere Michelangelo Caravaggio mit seinen ausdrucksstarken Bildern, in denen Leben und Tod, hell und dunkel gleichermassen neben- und ineinander verwoben sind, die zugleich von Augenzwinkern und Humor, von Offenheit und vom Geheimnis leben.

 

 

Zwischen Inszenierung und Zufall, zwischen Gesuchtem und Gefundenem bewegen sich die Bilder von Brigitte Lustenberger. Es sind Phantasiewelten voller Geschichten und Geheimnisse; dies obwohl die Prints und Portraits in einer realistisch anmutenden Bildsprache gehalten sind und gleichwohl einen träumerischen, geradezu abgründigen Sog entwickeln. Das, was in ihnen aufscheint, ob Mensch, Insekten oder Pflanzen, ist bedroht oder bereits zum Relikt einer unmittelbaren Gegenwart geworden, seien es verdorrte Blumen in Vasen oder tote Insekten. Sie repräsentieren exemplarische Memento Mori Bilder und laden uns ein zu einer Reflexion über Kunst, Leben und Tod.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Kontakt:

Feldstrasse 60

8004 Zürich

Tel:  079 3777505

Fax:  0442623635

Mail: dvonburg1@bluewin.ch