Christa Baumgartner

Mit der Kamera bewaffnet, flaniert Christa Baumgartner durch Städte, entlang von Strassen, bummelt über Plätze, sitzt in Cafés, beobachtet dabei sehr genau ihre Mit- und Umwelt. Sie richtet ihre Kamera ganz bewusst auf das Unspektakuläre, das Alltägliche, das Normale, das, was auf den ersten Blick als nicht bildwürdig erachtet wird. Für einen Augenblick können gemeinhin ausgeblendete Motive ihre Aufmerksamkeit fesseln, besonders, wenn sie im Zusammenspiel von Licht und Schatten aufleuchten, seien es Dinge oder Menschen im Gegenlicht, Spiegelungen in Pfützen oder im Rückspiegel eines Motorrads, ferner meteorologische Erscheinungen.

Die Fotografien setzt Christa Baumgartner anschliessend in Malerei um. Hat sie in der Serie «Woche für Woche» von 2014 Menschen im öffentlichen Raum, im Zug und in Cafés und Bars festgehalten, sind in den aktuellen Arbeiten fast nur noch menschenleere Stadtlandschaften zu erkennen. Damals erfasste sie die Gesichter der auffallend oft dunkel gekleideten Menschen, ihre Körperhaltungen und Tätigkeiten mit wenigen, lockeren Pinselstrichen. Auch die städtischen Szenen sind eindeutig identifizierbar: Plätze und Strassensituationen, die sich meist in Zürich, seltener in London befinden: an der Feldstrasse, der Ecke Militär-/Langstrasse, am Limmatplatz oder im Blick aus ihrem Atelierfenster auf die Hardtürme. Bald sind die Architekturen ins Dunkel der Nacht eingehüllt und glimmen in einem atmosphärischen Licht, bald wirken sie jeglichen Zaubers entledigt in einer morgendlichen Gewitterstimmung, bald scheinen sie sich entweder im Nebel oder in einem hellen, gleissenden Licht annähernd aufzulösen.

 

 

 

Atmosphärische Dichte

 

 

 

Christa Baumgartner unterzieht die Kompositionen einem Reduktionsprozess, welcher sich vornehmlich auf den Farbauftrag konzentriert. Zunächst trägt sie eine leichte Skizze direkt auf die Leinwand auf, sodann werden die andeutungshaften Konfigurationen mit diversen Schichten bald dünnflüssig, bald pastos übermalt. Dadurch gewinnt das Bild an kompositorischer Dichte und erhält Atmosphäre. Um bei diesem Prozess ganz bei sich sein zu können, braucht die Künstlerin den abgeschiedenen Raum des Ateliers. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass sich diese Konzentriertheit, dieser kontemplative Zustand oder die Sehnsucht danach auf die Betrachtenden überträgt. Eine sehnsuchtsvolle Note verströmen zwei wunderbare Ansichten des Wattenmeers in Nordfolk, ebenso «Primrose Hill», eine Hommage an Frank Auerbach, den britischen Maler deutscher Herkunft. Sie enthalten das Versprechen, sich im Unendlichen zu verlieren. Für diese Dimensionen hat die US-amerikanische Künstlerin lettischer Abstammung Vija Celmins in Sternenbildern und Meeresansichten einprägsame Metaphern geschaffen. Diese haben Christa Baumgartner besonders im Hinblick auf deren Meisterschaft im Bereich der Nuancen von Licht und Schatten inspiriert.

 

 

 

Überzeitliche Schönheit

 

 

 

So versucht Christa Baumgartner, aus den flüchtigen, bruchstückhaften Eindrücken ihrer Stadtwanderungen eine überzeitliche Schönheit zu destillieren. Darin gleicht sie dem Flaneur im Sinne von Walter Benjamin, der die Möglichkeiten des öffentlichen Raums auskostet, und dessen Credo die Langsamkeit ist. Damit lebt die Künstlerin in unserer heute so gehetzten Zeit der anachronistischen Sehnsucht nach dem Dasein eines Flaneurs nach. Im Geist von Franz Hessel («Spazieren in Berlin», 1929) erkennt Christa Baumgartner im Flanieren eine Art «Lektüre der Stadt». Die Stadt wird zum Text, der wechselvolle und facettenreiche Lesarten zulässt, die sich in ihren Bildern als Sedimente niederschlagen.

 

 

 

                                               Galerie Sam Scherrer, Zürich, 1. bis 15. Juli 2016

Christa Baumgartner

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