Erik Desmazières

Erik Desmazières — Omnipräsenz des Numinosen

 

Der französische Künstler gilt zurzeit als einer der besten Radierer. Mit einer anachronistisch anmutenden Bildsprache und einer unglaublich virtuosen Kunstfertigkeit öffnet er Fenster in entschwundene Zeiten, die uns in ihrer Wirklichkeitsnähe vertraut und gleichzeitig fremd erscheinen.

Eric Desmazières (*1948, Rabat) lässt mit Linienätzung und Aquatinta phantastische, obskure Traumwelten erstehen. Der von einer altmeisterlichen Bildsprache inspirierte Stil geht mit anachronistischen Themen einher: Pariser Arkaden des 19. Jahrhunderts, der grosse Lesesaal der alten französischen Nationalbibliothek, die fiktive Bibliothek von Babel, Kunst- und Wunderkammern, menschenleere, atmosphärisch aufgeladene Innenräume und Stadtansichten. Der in Paris lebende französische Künstler scheint schwerelos historische und gegenwärtige Zeiten und Räume zu durchlaufen. Mit piranesiartigen Raumperspektiven, die einen Vertigo-Effekt auslösen, entfaltet er ein stetes Kontinuum, das sich über Raum- und Zeitgrenzen hinweg vernetzt.

In einer ungeheuer oppulenten Bildsprache erzeugt Desmazières oft wirklichkeitsnahe, eigenartig zeitlos wirkende Szenarien, die gleichzeitig Fenster in fremde Welten sind. Auf unvergleichliche Art versteht er es, nicht Existentielles mit unserer Fantasie zu verquicken. So hat Desmazières in den Illustrationen zur «Bibliothèque de Babel», 1997, von Jorge Luis Borges einen sich in die Höhe schraubenden Turmbau dem berühmten Gemälde von Pieter Breughel d.Ä. nachempfunden. Die von Borges beschriebene fiktive Universalbibliothek, in der unendliches Wissen komprimiert ist, sowie die sinnlose Suche nach der ultimativen Wahrheit in einer labyrinthischen Welt, drückt der Künstler mit Hilfe von irrealen, schwindelerregenden Bibliotheksräumen mit verzogenen Perspektiven und verzerrten Massstäben aus.

Schildern diese Blätter eine Parabel über die Welt, spiegeln die meist fiktiven Kunst- und Wunderkammern den Makro- im Mikrokosmos mit enzyklopädischen Sammlungen von völlig disparaten, ohne systematische Ordnung nebeneinander liegenden Objekten. Indem die real-abgebildeten mit den imaginierten-philosophischen Räumen verschränkt sind,  gewährt der Künstler Einblick in eine vergangene, aber für den heutigen Betrachter nicht mehr entschlüsselbare Welt. Dem Unerklärlichen gewährt Desmazières einen grossen Spielraum, wofür, so scheint mir, das wunderbare Blatt «Le vent souffle où il veut», 1989 exemplarisch steht. Es stellt einen menschenleeren, in barockem Stil eingerichteten, in bläuliches Licht getauchten Raum dar. Ein plötzlicher, heftiger Windstoss bauscht die Vorhänge und lässt zwei Blätter vom Tisch aufwirbeln. In diesem magischen Moment, wird, wie der Titel suggeriert, die Omnipräsenz des allumfassenden Numinosen erahnbar.   

 Graphische Sammlung der ETH Zürich, bis 22.6.

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