Erkundung im Darknet

Dominique von Burg

Erkundungen im Darknet

„Eine Metareflexion über das Darknet“

„The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration“

Kunst Halle St. Gallen, 11.10.2014 — 11.1.2015

Der Ruf des Darknets ist miserabel und verkörpert angesichts von Fortschrittsverdrossenheit und Zukunftsangst alle unsere Vorurteile, die wir gegenüber dem Internet haben können. Etwa, dass in diesem digitalen, rechtsfreien Raum Drogen, Waffen, Kinderpornographie und urheberrechtlich geschützte Daten und Werke erhältlich sein sollen. Jedenfalls ist im sogenannten Darknet, auch Deepweb oder Onionland genannt, alles vorhanden, was Google nicht finden kann. Nutzer können in völliger Anonymität surfen und sich austauschen. Das Netzwerk ist weder mit Suchmaschinen verlinkt, noch überwacht und für konventionelle Browser unerreichbar. Über 2,5 Millionen Menschen benutzen es weltweit täglich. Andererseits ist es auch ein scheinbar machtfreier Raum, dessen Potenziale noch wenig bekannt und noch weniger genutzt sind. Ist es wirklich ein dunkler Ort, wo Abgründiges hemmungslos und völlig amoralisch ausgelebt werden kann und ein Ort für kriminelle Machenschaften? Diesen Fragen und den damit zusammen hängenden Phänomenen geht nun die Ausstellung „The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration“ nach.

Im Foyer wird der Einstieg ins Darknet mit einem Tor-Browser bereitgestellt. In diesem Netz im Netz ist man dank eines nicht rückverfolgbaren Zugangs zum Internet unsichtbar, ganz im Gegensatz zum überwachten Google-Land. Der Preis der Anonymität ist indessen eine langsame Verbindung. Allerdings stellen sich in einem anonymen Raum in Unkenntnis des Gegenübers und der Verifizierbarkeit die Fragen nach der Vertrauensbildung und der Möglichkeit der Verschlüsselung. Der Kurator Giovanni Carmine argumentiert zu Recht, dass „Unsichtbarkeit einerseits ein problematisches Hindernis, aber gleichzeitig auch eine nützliche Strategie sein kann“. Die durch das Onionland scheinbar garantierte Unsichtbarkeit war auch eine Reaktion auf das Problem des gläsernen Menschen, insofern als alle unsere Aktivitäten im Surfaceweb registriert und getrackt werden können. Bedenklich wird es, wenn wie unlängst nach einem Angriff einer russischen Hacker-Kombo auf die Datenbank des Karriere-Netzwerks LinkedIn.com sämtliche Passwörter der Nutzer im Internet aufgetaucht sind. Der deutsche Konzept- und Medienkünstler Aram Bartholl (geboren 1972, lebt in Berlin) illustriert dieses Informationsleck, indem er die rund 6,5 Millionen Passwörter in einer Buchreihe abgedruckt hat. Indes ermöglicht die Anonymität im Netz auch die Kommunikation und Verbreitung von Protest-Anliegen. Die Installation des Berliner Künstlers Robert Sakrowski (geboren 1966) gewährt einen Überblick der Anonymous-Bewegung, welche eine stetig wachsende, basisdemokratische Gruppe aus Internet-Aktivisten ist, die sich für freie Meinungsäusserung und transparente Informationspolitik einsetzt.

In der thematisch gegliederten Ausstellung mit Werken von internationalen Kunstschaffenden überwiegen Arbeiten, die das Surfaceweb thematisieren, während nur vereinzelte künstlerische Positionen um das Darknet kreisen. Tief ins Darknet taucht das Künstlerkollektiv !Mediengruppe Bitnik ein (Carmen Weisskopf, geboren 1976 und Domagoj Smoljo, geboren 1979; beide leben in Zürich), welches die beiden Künstler seit den Enthüllungen von Edward Snowdon überaus interessiert; denn damit wurden ihre schlimmsten Befürchtungen von weltweiter, schrankenloser Überwachung übertroffen. Wir erinnern uns, dass Bitnik in einer Aufsehen erregenden Aktion ein präpariertes Paket mit einer versteckten Handy-Kamera an Julian Assange hat schicken können, der seit über zwei Jahren in der Botschaft von Ecuador in London festsitzt. Mittels der Kamera konnte der gesamte Postweg dokumentiert werden und das schlichte Paket passierte die Schranken der schwer bewachten Botschaft. Für die Ausstellung in der Kunst Halle St. Gallen haben die Künstler eine Software programmiert, die per Zufallsgenerator wöchentlich Bestellungen im Darknet aufgibt. Ein automatisierter, sprechender Einkaufsroboter, der „Random Darknet Shopper“, 2014, geht während der Ausstellungsdauer wöchentlich auf Einkaufstour im Onionland. Hier findet man Dinge, die im offiziellen Netz nicht verfügbar sind und dessen Angebote zudem längst durch ökonomische Faktoren bestimmt werden. So wurden neben einem Webprogramm Zigaretten aus der Ukraine wie auch ein Generalschlüssel der englischen Feuerwehr an die Kunst Halle St. Gallen geliefert. Diese Art Shopping im Darknet erinnert teilweise an Schmuggel, kann aber auch zu einem globalen Markt führen.

Im grossen Ausstellungsraum zieht zunächst die Videoarbeit „Strike“, 2010, von Hito Steyerl (geboren 1966, lebt in Berlin) den Blick auf sich. Sie zeigt eine Frau sich einem Fernseher nähern und dem Monitor mit Hammer und Meissel einen Schlag versetzen. Der daraus resultierende LCD-Effekt manifestiert sich anhand von Neonstreifen, welche bis zum erneuten Video-Beginn mit den Lettern STRIKE sichtbar bleiben. Damit wird eine Attacke demonstriert, die wir gedanklich wohl schon oft vollzogen haben, wären wir nicht gänzlich von der Digitaltechnik abhängig. Daneben ist eine Wand platziert, die mit kunterbunten Memes vollgepflastert ist, witzigen Fotocollagen mit Bildern aus dem Web, die vielfach bearbeitet und mit Sprüchen versehen sind. Die Bilder stammen aus dem Archiv der römischen Kuratorin Valentina Tanni (geboren 1976, lebt in Rom). So entdeckt man viele als Monster inszenierte Selfies oder einen Mann eng umschlungen mit einem Fohlen auf einem Bett liegen, oder auf einer Strassenfassade die gesprayten Worte „Real Eyes Realize Real Lies“, und den in schwarzen Lettern auf dem weissen T-Shirt eines Mannes eingeprägten Spruch „If Jesus returns Kill Him again.com“; schliesslich wundert man sich über eine dicke Frau, die auf einem Krokodil sitzt. Die Installation steht im Dialog mit Hundertzehn Digitaldrucken von abgebildeten, beschlagnahmten Besitztümern des Sharehoster Megaupload-Gründers Kim Dotcom. Mit dieser Figur und dem mit der Digitalisierung einhergehenden Gigantismus setzt sich die Arbeit des neuseeländischen Medienkünstlers Simon Denny (geboren 1982, lebt in Berlin) auseinander. Dem mehrfach angeklagten Internetunternehmer Dotcom, mit bürgerlichem Namen Kim Schmitz, haben US-Behörden 2012 die Plattform geschlossen aufgrund der gegen ihn erhobenen Vorwürfe, Inhaber von urheberrechtlich geschütztem Material wie Film- und Musikproduzenten mit seiner Internettauschplattform Megaupload um eine halbe Milliarde Dollar Einnahmen gebracht zu haben. Dieser Vorfall entfachte eine weltweite Diskussion um Businessmodelle, die Definition von Diebstahl, Gesetze und Eigentum in Zeiten des globalen Datenaustausches.

Die informative und visuell ansprechend inszenierte Ausstellung, die in Zusammenarbeit zwischen dem Künstlerkollektiv !Mediengruppe Bitnik (Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo), dem Projekt :digital brainstorming des Migros-Kulturprozent und der Kunst Halle Sankt Gallen entstanden ist, verhandelt einige der zentralen Fragen unserer Informationsgesellschaft. Für die Kuratoren selbst fungiert die Ausstellung als Plattform, die dazu dienen soll, ihre Recherche zu vertiefen sowie als Anstoss, adäquate künstlerische Lösungen für das Thema zu entwickeln. Vereinzelte Positionen geben nicht nur Einblick in die Untergründe des Darknets, sondern setzen sich kritisch mit den neuen Medien auseinander, mit Fragen des Datenschutzes und der persönlichen Freiheit. Gleichzeitig werfen sie Fragen auf, wie transparent wir im Internet und im normalen Leben sind, wie durchsichtig wir wirklich sein wollen und plädieren schliesslich für mehr Anonymität im Netz. Doch mit der vielgepriesenen Anonymität und der Aura des Verbotenen, Verruchten ist es nicht mehr weit her; denn zufolge von Berichterstattungen vom Norddeutschen Rundfunk NDR und Westdeutschen Rundfunk WDR im Juli dieses Jahres werden Darnet-Nutzer von der NSA als Extremisten eingestuft und somit systematisch überwacht. Publiziert im Kunstforum Bd. 230.

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