Gotteserfahrung und Teufelsküche — Das Jenseits im Diesseits

Seit jeher suchen wir mit Mythen, Ritualen und Kunstwerken das Unbegreifliche zu deuten. Das Haus für Kunst Uri zeigt Artefakte und Kunstwerke aus vier Jahrhunderten, die von der geistigen Kraft der Kunst zeugen, das Schicksal zu beeinflussen oder hinzunehmen sowie Transzendenz zu erfahren.

«Nach einem Autounfall war ich gleich tot, aber noch fähig zu verstehen, was um mich herum geschah», erzählt eine Ärztin, während sie sich die grüne Operationskleidung im Sprechzimmer eines Spitals anzieht. Sie ist eine von 36 Venezianer/innen, die sich in der Videoinstallation «Tutti Veneziani» von 1999 (Biennale von Venedig) des Künstlerpaars Mauricio Dias (* 1964) und Walter Riedweg (* 1955) zu ihrem eigenen Tod als fiktive Vergangenheit äussern. Wird hier ein imaginärer Totentanz inszeniert, tritt uns in der schwarz-weissen Fotoserie aus der Werkgruppe «Katakomben, Palermo», 1963, von Peter Hujar (* 1934) die reale, mächtige, schnörkellose Präsenz von Mumien entgegen. Dagegen entleert John Armleders (* 1948) raumdominante Wandmalerei mit stilisierten Totenköpfen, 2002/14, das Motiv von seiner christlichen Symbolik als Memento mori und transformiert es in ein dekoratives, pop-artiges Element.

In den Räumen des Hauses für Kunst Uri entfaltet sich eine ungeheuer breit gefächerte Palette von Todes- und Jenseitsvorstellungen mit Werken zahlreicher Kulturschaffender vom 17. bis 21. Jahrhundert. Ausgehend von der regionalen Volkskunst und sakralen Kunst führt der Rundgang von einem magischen Garten mit Heilpflanzen und –kräutern, die dem alten Wissen der Volksmedizin entstammen, über ein Krüllbild, einen Käslin-Altar und einen Schwurschädel bis zu zeitgenössischen Werken auch international wirkender Kunstschaffender, die von der Auseinandersetzung mit den letzten Dingen der Welt zeugen. Neben den vielfältigen Emblemen der Endlichkeit und Sterblichkeit, die von der Adoration bis zur Blasphemie reichen, verstört das lebende Kunstwerk TIM, das sprichwörtlich seine Haut zu Markte trägt. Während der Ausstellungseröffnung präsentierte der Schweizer Tim Steiner seinen vollständig tätowierten Rücken mit Totenschädel und Madonna, den er 2008 für 150.000 Euro dem deutschen Kunstsammler Rik Reinking verkaufte, nachdem der Belgier Wim Delvoye (* 1965) das Tatoo entworfen und Matt Powers es ausgeführt hatte. Dafür hat sich Steiner verpflichtet, das Kunstwerk jährlich für einige Wochen zu präsentieren, und nach seinem Tode wird die Hautpartie dem Käufer oder dessen Erben übergeben. Während von Reliquien oder anderen Artefakten innerhalb eines verbindlichen religösen Systems eine magische, heilende Kraft erwartet wird, gerät der «verkaufte» Rücken von Tim Steiner auf die Stufe blosser Tauschware und bildet so eine prägnante Metapher für einen alles verobjektivierenden und vereinnahmenden, bis ins Privateste reichenden Kapitalismus.

 

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