Cindy Sherman — Untitled Horrors

Mit den fotografischen Selbstinszenierungen hält Cindy Sherman der Welt den Spiegel vor und bleibt dabei ungreifbar. Nun ermöglicht die gemeinsam mit der Künstlerin konzipierte, thematisch-assoziativ arrangierte Zürcher Überblicksschau nach Stationen in Oslo und Stockholm eine neue Lesung der Fotografien.

Schon als Teenager verkleidete sich Cindy Sherman gerne als alte Frau. Die Passion entwickelte sie zur Methode und ging unter Verwendung ihres eigenen Körpers und der Kamera existentiellen Fragen nach. Dies führte sie zu ihrem ersten grossen Erfolg mit der 1977-1980 entstandenen Serie der „Untitled Film Stills“. Für die kleinformatigen, mit Selbstauslöser erstellten Schwarz-Weiss-Fotografien hatte sie sich alle möglichen Frauenrollen aus dem Film noir und den B-Movies der Fünfziger- und Sechzigerjahre anverwandelt. In der zehn Jahre später entstandenen Serie der „History Portraits“ fokussierte sie auf die Rolle der Frau in der Kunstgeschichte. Diese Aufnahmen sind aus unserem kulturellen Gedächtnis gespeist. Nachdem Cindy Sherman (*1954) so sämtliche, meist weiblichen Rollenspiele durchdekliniert hatte, stellte sie in der neueren „Society-Porträt“-Serie mit viel Humor den von Botox und kosmetischer Chirurgie begleiteten Alterungsprozess der Reichen und Schönen bloss.

Die grosse Zürcher Überblicksschau mit 110 Werken ist als kaleidoskopartige Gesamtinstallation konzipiert und zu frei gemischten Gruppen zusammenwürfelt. Darin hebt sich die in Zusammenarbeit mit dem Astrup Fearnley Museum, Oslo und dem Moderna Museet in Stockholm entstandene Ausstellung von der chronologisch aufgebauten Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art von 2012 bewusst ab. Diese hatte die beunruhigendsten Fotos weitgehend ausgeklammert, während hier — ganz im Sinne von Cindy Sherman — die existentiellen Aspekte und das Abgründige im Zentrum der Präsentation stehen. Die Saalmitte wird von einem aufgefalteten, theaterähnlichen Raum mit einem neuen fotografischen Fresko beherrscht, der etwas ratlos lässt. Seine Wände sind mit Landschaftstapeten und davor positionierten neuen, digital hergestellten, monumentalen Maskeraden überzogen. An der gegenüber liegenden Wand zeigt eine Bildserie von vier Grossfotos, 1987-91, Innereien und Erbrochenes, die übrigens als Reaktion darauf entstanden, dass sie das Hochpreissegment erobert hatte und feststellen wollte, “ob die Leute weiter kaufen würden“. Die Gegenüberstellungen wurden zusammen mit der Künstlerin entwickelt und speziell für Zürich geschaffen. Dies soll gemäss der Kuratorin Miriam Varadinis eine neue Lesung der Fotografien ermöglichen und gleichzeitig das Ganze zu einer Einheit verbinden.

Zentral ist die Serie „Sex Pictures“ inszeniert: verstörende Fotografien von Prothesen, erotischen Utensilien oder von verstümmelten Gliederpuppen, die bald verrenkte, bald obszöne Posen einnehmen. So bleckt aus einem deformierten, einäugigen Puppengesicht mit geöffnetem Mund ein kaputtes Gebiss. Erschreckend ist eine Puppe mit Perücke, gespreizten Beinen und aufgerissenem Unterleib, herausgerissenem Herz und verkrüppelten Füssen. Man fragt sich, wer die Puppen so zugerichtet hat? Cindy Sherman lässt diverse Interpretationen offen. Abgesehen von allfälligen eigenen Verletzungen und der Kritik am voyeuristischen Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität weiss man nicht, ob sich ein zwischen Zuwendung und Missbrauch angesiedeltes Geschehen ins Mörderische gesteigert hat. Jedenfalls gemahnen sie an Gewaltübergriffe oft sexueller Natur. Immer wieder trifft man auf Porträts oder riesige Fototableaus, die die Künstlerin als Verwahrloste, Alkoholikerin, Mordopfer oder als Sportlerin vorstellen. Sie vermitteln den Eindruck, dass Cindy Sherman im Laufe der Zeit immer hintergründiger und ungreifbarer geworden ist, je mehr sie der Welt den Spiegel vorhält.

Ihre Art Humor ist schwarz, lebt vom Schrecken und Machtspielen und fordert vom Zuschauer eine aktive Haltung, die in der Entscheidung liegt, wie weit er sich von der Groteske angezogen fühlt und wann er sich wegen der Grausamkeit innerlich abwendet. Tabubrüche — hier die Gewalt gegenüber Wehrlosen — sind eine beliebte Strategie in der Kunst, den Betrachter emotional zu berühren und an gesellschaftlich relevante Fragen zu rühren. Zweifellos besteht neben der Konfrontation mit der Conditio Humana und der Blossstellung von menschlichen Unzulänglichkeiten eine starke Neigung zum Abgründigen, eine Lust an der Darstellung anstössiger Fantasien, die sich fast leitmotivisch durch das Werk zieht. Schliesslich liebt Cindy Sherman Horror-Filme im Wissen um deren Künstlichkeit und hat mit „Office Killers“ auch selber eine schräge Horror-Komödie gedreht. Darin besteht die eigentliche Entdeckung der scheinbar wild und achronologisch arrangierten Zürcher Ausstellung. Dies bestätigt Cindy Sherman selbst im Interview mit Rose-Maria Gropp in der Frankfurter Allgemeinen, 11.3.2012: „Manche Leute ... denken, die Arbeiten wären dunkel und dass ich ziemlich verwirrt sein müsste. Nein, ich habe meinen Spass.“ Damit deutet sie an, dass sie ein Stück Kindheit — nämlich den dunklen Teil — in ihre Arbeit hinüberzuretten vermochte. Als Betrachtende fühlt man sich zuweilen so, als würde man kuschelig im Sofa sitzen, während einem die Schauder des Grauens wohlig den Rücken hinunterjagen.

 

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