Alex Sadkowsky und Mickry 3. «Es gibt nichts Ernsteres als das Spiel.»

Auch wenn sich die drei jungen Frauen von Mickry 3 und der legendäre, achtzigjährige Alex Sadkowsky erstmals beim Ausstellungsaufbau begegneten, haben sie doch etliches gemeinsam, insbesondere die gelebte Einheit von Kunst und Leben. Vor über zehn Jahren hatten Nina von Meiss, Dominique Vigne und Christina Pfander die Kunstwelt mit schrillen Installationen und handgefertigten Objekten aus Alufolie, Plastilin, Styropor oder Pappmaché frisch, frei und frech aufgemischt. Um einiges provozierender attackierte Alex Sadkowsky zusammen mit Friedrich Kuhn in den späten Sechziger-/Siebzigerjahren die Bastion der Zürcher Konkreten. Beide waren Vertreter der «kleinen Zürcher Wahnwelt» (Paul Nizon), zelebrierten als Bürgerschreck die Aussenseiterrolle und verschafften ihrer Innenwelt ungehindert Ausdruck.

Schon früh hatte das Multitalent Alex Sadkowsky ein ausgefallenes Vokabular aus eigenen Symbolen entwickelt, dem er bis heute treu geblieben ist. Mit seinen unverwechselbaren, erotischen Gemälden und Zeichnungen, die von einer ungeheuren Frische und überbordenden, surrealen Fantasie sind, machte er damals auf sich aufmerksam. Die äusserst eigenwilligen Werke strotzen vor anarchischer Kraft, überschwänglichen Formfindungen von Ton in Ton bis hin zur knalligen Buntheit. Eine gewisse Affinität zur Art Brut ist unverkennbar, namentlich im Arrangieren des Bildgeschehens auf einer Ebene oder im flächendeckenden Ausfüllen des Bildgevierts mit repetitiven Motiven und Ornamenten. Die letzteren zeugen vom Hang zum Enzyklopädischen und zum Welttheater.

Überdimensionale Schuhobjekte spielen auf Sadkowskys Rastlosigkeit, seine unzähligen Reisen, sowie seine Flucht vor dem Stillstand an. Ein Emblem für den Reisenden wie auch ein Sinnbild von Lebensbürde und Existenzlast hat er mit dem «Animal metaphysicum» geschaffen, eine oft surreal dargestellte Menschenfigur mit Schirm, Rucksack, Fernrohr und Leiter auf Rollschuhen. Es ist ein vielgestaltiges, metaphysisches Wesen, unerschöpflich in seiner Kreativität, in Ernst und Spiel versunken, das bekundet: «Ich male nicht nur gegen den Tod, sondern fürs Leben.»

Auch das Zürcher Künstlerinnenkollektiv Mickry 3 mäandert mit lustvoller Kreativität im Feld zwischen Schein und Sein. Mit ungebrochenem Frauenpower und unverkennbarer Handschrift haben sie eine neue Installation erarbeitet, die einem chaotischen Rebus und Verwirrspiel gleicht. Einzelne, gespaltene, verspiegelte Skulpturenteile, die leicht ver-rückt platziert sind, bieten dem Auge ein raffiniertes optisches Spiel. Blaue Verbindungslinien vernetzen die Skulpturen und entwerfen ein offenes Geflecht von Geschichten unter wechselnden Blickwinkeln. So weiss man bei einem Setting mit brennenden Zündhölzern nicht, ob damit ein Feuer entfacht, ein Brand gestiftet oder eine «Initialzündung» symbolisiert wird. Alle Werke tragen mehrere Titel, womit die Macht der steuerbaren Bildinterpretation gebrochen und die Betrachtenden auf verschiedene Fährten gelockt werden.

Die Skulptur, Relief und Malerei umfassenden Werke knüpfen an einzelne künstlerische Praxen an: an die Tradition der Popart mit der Vermischung von High & Low, punktuell mit kunsthistorischen Zitaten gewürzt und an Warhols seriell hergestellte Kunstwerke. Im Gegensatz zu diesem unterwandern sie mit den handgefertigten Unikaten der «M3 Supermarkt»-Serie die industrielle Fertigung und sprechen bewusst auch ein kunstfremdes Publikum an.

Mit der Installation «M3 Supermarkt» hatte 2001 alles angefangen und den Mickrys gleich zum Durchbruch verholfen. Die Mickry 3-Produkte aus Pappmaché und in Zellophan verpackt, deren Palette von Glückspillen zu menschlichen Organen, Implantaten und einem weiblichen Orgasmus reichte, konnten zu Schnäppchenpreisen erworben werden. Dahinter stand das Credo der Künstlerinnen, preiswerte Kunst für alle herzustellen. Nebenbei diskreditierten sie so die Funktionsweisen des Marktes und des damit gekoppelten Kunstbetriebs. Aufsehen erregten sie vor allem mit der Serie «Get Physical»: Gestikulierende Riesen-Penisse und -Vaginas oder Brüste auf zwei Beinen. Die installative Waldesidylle in Form einer Riesenlandschaft, «Ein Tag im Wald», 2009, zeigte dann, dass die Künstlerinnen das Spiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen abstrakt-expressiver und popartiger Ausdrucksweise mittlerweile überzeugend beherrschen. Nach diesem Ausflug in eine heile Welt gelangten mit der Serie «House of Pain» von 2012 eher abgründige, existentielle Aspekte in den Fokus ihrer Kunst. Dass sie auch mal ganz gern einen Seitenhieb auf politische Ereignisse austeilen, zeigt eine Figur, die dem SVP-Politiker Christoph Blocher verblüffend ähnlich sieht: Auf seinem Kopf steckt ein roter Plastikkübel fest, während schwarze Hände nach seinem Hinterkopf greifen und er scheinbar von einer Meerschweinchenmasse angegriffen wird. Damit haben die Mickrys eine geradezu prägnante Chiffre für die Ängste und Vorurteile der politisch rechts stehenden Kräfte in der Schweiz geschaffen.

 

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