Mickry3 — Lustvolles Mäandern zwischen Schein und Sein

Mit ungebrochenem Frauenpower und unverkennbarer Handschrift haben die Künstlerinnen von Mickry3 eine neue, überraschende Installation erarbeitet, die einem chaotischen Rebus und Verwirrspiel gleicht. Das Publikum wird mit viel Hintersinn und Humor auf falsche Fährten gelockt und mit launigen Geschichten konfrontiert. Ich treffe die drei Frauen beim Aufbau ihrer Ausstellung im Helmhaus, derweil ihr chaotisches, stimmungsvolles Atelier im Schlieremer Gaswerkareal leergefegt ist. 

Auf dem Unterarm von Dominique Vigne (*1981) entdecke ich die Initialen «AZB» (Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer, deren Mitglieder zum Teil ihr Atelier im Gaswerkareal haben) in grossen, schlanken Lettern eintätowiert. Was, wenn sie diese einst nicht mehr sehen will? Das gibt’s doch gar nicht, meint sie entrüstet. Die AZB ist ihr Leben, ihre Kunst, ihre Liebe, einfach alles. Dies mag wohl auch für Christina Pfander (*1980) und Nina von Meiss (*1978) gelten, haben sie doch diese Initialen auf anderen Körperteilen eintätowiert und damit ihre Zugehörigkeit besiegelt.

Nina ist gerade im Begriff letzte Pinselstriche an einem Feuerchen aus Styrofoam anzubringen. Die Skulptur ist gespalten, die Schnittflächen sind mit Spiegeln verkleidet. Die Spaltung und Verspiegelung der Objekte gestaltet sich programmatisch. Die einzelnen Skulpturenteile sind schräg gegeneinandergestellt und gestaffelt positioniert. Andere, nahe stehende Figuren werden mehrfach gespiegelt und bieten dem Auge ein raffiniertes optisches Spiel. Die Protagonisten, eine Frauenfigur zwischen Göttin und Biest, namens Silvana mit LED-Leuchtaugen, ein Auto und eine Menge Meerschweinchen sind zu versponnenen Ensembles kombiniert. Blaue Verbindungslinien vernetzen die Objekte oder Skulpturengruppen und entwerfen ein offenes Geflecht von Geschichten unter wechselnden Blickwinkeln. Bald sind sie bedrohlich oder dramatisch, bald lustig, bald dadaistisch oder mitunter alles gleichzeitig. So weiss man bei einem Setting mit brennenden Zündhölzern nicht, ob damit ein Feuer entfacht, ein Brand gestiftet oder eine «Initialzündung» symbolisiert wird. Das Spiel mit «The Hidden Story», so der Ausstellungstitel, setzt sich bei diversen szenischen Settings fort, so einem brennenden Feuer, das gemäss Werktitel ein «Brand», «die Leidenschaft» oder «Pfadfinder» bei einem Feuer sitzend, suggeriert.

 

Eingespielte Arbeitsweise

 

Wie hier, so tragen alle Werke mehrere Titel. Damit soll «die jeweilige Skulptur in andere Dimensionen rutschen». Mit der multiplen Titelgebung wollen die Künstlerinnen gezielt die Macht der steuerbaren Bildinterpretation brechen und das Publikum auf verschiedene Fährten locken.

Mit der jetzigen Werkgruppe haben sich die Drei selber überrascht, insofern als sie nicht wie üblich ihre Ideen zuvor ausdiskutierten und sich auf ein Konzept einigten, sondern sich nur an formale Vorgaben hielten und lediglich die ausgereifte Gestaltung während des Arbeitsprozesses besprachen. Ihrer eingespielten Arbeitsweise sind die Mickrys dennoch treu geblieben, die ohne Arbeitsteilung funktioniert. Stattdessen bringt jede Künstlerin ihre Stärken ein und arbeitet jeweils an jedem Werk mit. Nach wie vor erstellen sie ihre Werke in aufwändigster Handarbeit. Seit Jahren schon verwenden sie den leicht schnitzbaren Werkstoff Styrofoam, dessen löchrige Oberfläche sie mit selbst eingefärbtem Acrystal versiegeln, um darauf Glanzlacke aufzutragen.

Auf meine Frage nach Krisen oder künstlerischen Blockaden erzählen sie von Phasen, während denen sie etwas herumdümpeln. Sie achten jedoch sehr darauf, nicht in einen Trott zu verfallen. Dank dem Umstand, dass sie zu dritt sind, verlaufen Krisen nie gleichzeitig und die Künstlerinnen können sich gegenseitig immer wieder inspirieren. Die Ideen gehen ihnen jedenfalls nie aus, sondern haben sie stets in petto. Angesprochen auf den «Supermarkt»-Hype winken sie gelangweilt ab. Dennoch sind sowohl die damals erstmals in Umlauf gesetzte Materialfülle sowie das Installative weiterhin relevante Charakteristiken ihres Schaffens.

 

Massenprodukte in Bastelästhetik

 

Denn mit der selbst gebastelten Installation «M3 Supermarkt» hatte 2001 alles angefangen und den Mickrys gleich zum Durchbruch verholfen. Die Mickry3-Produkte aus Pappmaché und in Zellophan verpackt, deren Palette von Glückspillen zu menschlichen Organen, Implantaten und einem weiblichen Orgasmus reichte, konnten zu Schnäppchenpreisen erworben werden, aufgrund des Credos der Künstlerinnen, preiswerte Kunst für alle herzustellen. Nebenbei diskreditierten sie so die Funktionsweisen des Marktes, insbesondere des Kunstbetriebssystems. 2004 entwickelten sie die Werkreihe «Mickrymorphosen», die Massenprodukte in Form freistehender, breitrandiger Bilder in Bastelästhetik im Comic-Stil fantasievoll verwandeln. Mit «Golden Cut» kopierten und interpretierten sie Werke alter Meister im Louvre auf saloppe und noch nie gesehene Weise. Aufsehen erregten sie vor allem mit der Serie «Get Physical»: Gestikulierende Riesen-Penisse und -Vaginas oder Brüste auf zwei Beinen. Die installative Waldesidylle in Form einer Riesenlandschaft aus Pappe, Fiberglass und Acryl, «Ein Tag im Wald», 2009, zeigte die Drei von einer romantischen Seite. Beeindruckend war die Beherrschung des Spiels zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen abstrakt-expressiver und popartiger Ausdrucksweise. Nach diesem Ausflug in eine heile Welt gelangten mit der Serie «House of Pain» von 2012 eher abgründige, existentielle Aspekte in den Fokus ihrer Kunst.

Die Skulptur, Relief und Gemälde einschliessenden Werke von Mickry3 knüpfen an einzelne künstlerische Praxen an: an die Poptradition mit der Vermischung von High & Low, punktuell mit kunsthistorischen Zitaten gewürzt und an Warhols seriell hergestellte Kunstwerke. Im Gegensatz zu diesem unterwanderten sie mit ihren Objekten als handgefertigte Unikate aus der «M3 Supermarkt»-Serie die Nachahmung der Warenästhetik und sprachen mit ihren Lounge-Arbeiten, etwa «Hot Spot», 2005, auch ein kunstfremdes Publikum an.

In Anknüpfung an ihre Zeit in der Zürcher Subkultur frage ich sie nach ihrer politischen Botschaft. Dies liegt ihnen nicht wesentlich am Herzen, eher berühren ihre Arbeiten existentielle Fragen. Gleichwohl haben sie am Abstimmungstag der «Masseneinwanderungsinitiative» ganz spontan eine Figur geschaffen, die Christoph Blocher verblüffend ähnlich sieht: Auf seinem Kopf steckt ein roter Plastikkübel fest, während schwarze Hände nach seinem Hinterkopf greifen und er scheinbar von einer Meerschweinchenmasse angegriffen wird. Damit haben die Mickrys eine geradezu prägnante Chiffre für die Ängste und Vorurteile der politisch rechts stehenden Kräfte in der Schweiz geschaffen.

 

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