Teres Wydler. Pre Solar Post

Die eben im Verlag für moderne Kunst Nürnberg erschienene Monographie umfasst das Werk von Teres Wydler der letzten dreissig Jahre.

 

Innerhalb des Zeitraums von dreissig Jahren beleuchtet Teres Wydler mit ihren multimedialen Werken das Wechselverhältnis von Kunst und (Natur-) Wissenschaft. Sie reflektiert aus einem eigenen Blickwinkel über die Natur als Teil unserer Kultur. Dabei befragt sie die menschlichen Verhaltensweisen gegenüber der Natur, im Besonderen unsere Wahrnehmung und Begriffsfähigkeit der Natur und ihre Mediatisierung.

 

Innerhalb der aktuellen Wissenschaftsentwicklung setzt sie sich mit naturwissenschaftlichen Modellen auseinander und erforscht die Dimensionen einer künstlichen Hypernatur; etwa von urbanen Kulturlandschaften oder von Erlebnisräumen. Zur Erforschung und Visualisierung dieser Themen dienen ihr Video- und Lichtinstallationen, prozessorientierte Werke, Kunst-am-Bau-Projekte sowie Fotoarbeiten als Methode und Medium. Mit Blick auf die kulturelle und mediale Konstruktion von Natur bezieht sich die Künstlerin auf einen erweiterten Naturbegriff. Dieser nimmt Natur nicht mehr nur betrachtend wahr, sondern greift auch aktiv in sie ein, etwa um ihr verborgenes Sein zu enthüllen.

 

 

 

In den achtziger Jahren arbeitet Teres Wydler als eine der Ersten an der Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlicher und künstlerischer Forschung im Geiste von amerikanischen Land-Art- und Concept-Art-Künstlern wie Robert Smithson, Walter de Maria und Michael Heizer. In aufwändigen Versuchsanordnungen mit Pflanzen und –samen beobachtet sie den Einfluss der Natur auf die Kunstwerke. Erste Plantagenbilder entstehen, die den Auflösungsprozess des Organischen teilweise in die Präsentation einbeziehen. Im Vordergrund steht die Entstehung eines Werks, das einem natürlichen Veränderungsprozess unterworfen ist. Damit gerät es in die Nähe der Prozesskunst und der ihr nahestehenden Arte Povera.

 

Gleichzeitig steht es im Zusammenhang mit einer «Post-studio» Praxis, deren Bestandteil Laborsituationen und ortsspezifische Verfahrensweisen sind. Diese naturhaften Kunst- und Keimwerke unterscheiden sich sehr von den konzeptuell geprägten Bildkompositionen von Teres Wydler. Diese bestehen aus symbolischen und mathematischen Formeln und Lettern und eröffnen geistige Dimensionen. Die Formeln dienen der Künstlerin als ein Medium, das ihr ermöglicht, neue, in die Zukunft weisende Denkwege zu begehen; etwa in der Synthese von Natur- und Kunstschönheit respektive von wissenschaftlichen und emotionalen Aspekten.

 

 

 

Immer wieder erzeugt Teres Wydler abschliessende Serien in Form von tagebuchartig aneinander gefügten Prozessen. Die Arbeiten sind weniger Antworten und Resultate als vielmehr Zäsuren im unaufhörlichen Prozess ihrer Befragungen. Von den frühen Herbarinstallationen, ab 1982, über den Thymianhügel zu den Weizenbildern auf Textilbahnen, den «Osmosen», «Photosynthetics» und den «Plantagenbildern» führt ein direkter Weg zum Reservat mit Zimmerpflanzen und Weizengras in Pflanzenschalen von 1998. In den Tondi aus der «Naturales»-Serie von 2000 kündigen sich die Reflexionen an, die bis heute neben den Lichtarbeiten zum bevorzugten Medium werden, seien es Lichtprojektionen oder Installationen mit Reflektoren. Lichtphänomene sind auch zentraler Bestandteil der Kunst-und-Bau-Arbeiten von Teres Wydler sowie ihrer grossräumigen und aufwändigen Video-Installationen.

 

 

 

Diese reflektieren nicht nur in komprimierter Form ihre bisherigen Arbeiten, sondern stehen auch als eigentliche Quintessenz ihres Oeuvres da. Die Synthese ihres Schaffens ist fast schon exemplarisch an der fünfteiligen, multimedialen Installation «N.I.C.E. abzulesen, die Abkürzung für Nature in Corrosive Extasy», 2007; (also etwa im Sinne von angreifend, zerstörend etwa durch chemische Veränderung). Sie setzt sich zusammen aus der Videoinstallation «Blatt/Spiegel», die eine meteorologische Erscheinung und die mutierte Natur gleichzeitig aufscheinen lässt, den Videoscreens «Red Rain», die den Impuls von Naturereignissen aktivieren; der Installation «Mikro Makro» mit einer extraterrestrischen Sicht auf die Erde neben einem molekularen Blick in einen menschlichen Zellkern, die das Prinzip der Analogie «Wie oben so unten» nach Hermes Trismegistos evoziert, demzufolge die Verhältnisse im Universum (Makrokosmos) denen im Individuum (Mikrokosmos) entsprächen, während sich die äusseren Verhältnisse im Menschen spiegelten und umgekehrt. Umrahmt wird das Projekt von einer Tonspur mit tiefen akustischen Schwingungen eines Erdbebens.

 

 

 

Das multimediale Werk, in dem die Grenzsphäre zwischen Natürlich- und Künstlichkeit seit den Achtziger- und Neunzigerjahren ausgelotet wird, verfolgt vielfach einen konzeptuellen Ansatz. Ursprünglich ist es vom erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys inspiriert. Es geht von einem transdisziplinären Fundament aus und beleuchtet kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge. Zudem nimmt es im Diskurs, der naturwissenschaftliche Themen in einem Kunstkontext abhandelt, wie er besonders in den Neunzigerjahren von Kunstschaffenden wie Olafur Eliasson vorangetrieben wurde, eine wesentliche Position ein.

 

Die Themen und Motive der verschiedenen Werkzyklen von Teres Wydler finden sich rhizomartig miteinander verknüpft, nicht zuletzt, weil sie stets gleichzeitig an verschiedenen Projekten arbeitet, die sich wechselwirkend gegenseitig durchdringen und überblenden. In ihrer New Yorker-Zeit zwischen 1983 und1987 entwarf die Künstlerin Pläne und Skizzen für ein «Weltenei», die aus ihrer Beschäftigung mit dem pelasgischen Schöpfungsmythos hervorgingen. Die Metapher des Zusammengehens von Himmel und Erde ist auch von der mystischen Sicht von Joseph Beuys beeinflusst, der übrigens mit seiner Kunstauffassung den Weg für zahlreiche Privatmythologien frei gemacht hat. In einer Skizze ist das Weltenei so dargestellt, als würde es in unzählige zeichen- und symbolhafte Bestandteile zerspringen und das uranfängliche Chaos erzeugen. Im Laufe der Jahre haben sich diese Partikel als Bausteine des künstlerischen Kosmos’ von Teres Wydler entpuppt. So kann abschliessend festgestellt werden, dass sich das Werk von Teres Wydler in seiner Quintessenz dadurch auszeichnet, dass das Prozessuale, nämlich das wissenschaftliche Vorgehen, mit ästhetisch prägnanten Metaphern visualisiert wird.

 

 

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