Laura Lima

Laura Lima

 

Ort der Resistenz

 

Die Künstlerin Laura Lima agiert zwischen den Medien und verschiedenen Bewusstseinszuständen und schafft ihr eigenes Universum. Nun hat das Migros Museum ihr erstmals eine Einzelshow in der Schweiz eingerichtet.

Man fühlt sich wie ein kleines Kind, das im vollgestopften Estrich der Grosseltern herumstöbert und auf die wunderlichsten Dinge stösst. Sie inspirieren uns zu wilden Fantastereien, die uns gleich wie Alice im Wunderland in eine paradoxe Welt zwischen Traum und Wirklichkeit locken, in der Zeit und Raum gerinnen und die nach magischen Prinzipien tickt.

In den Räumen des Migros-Museums hat die 1971 in Governador Valadares, Brasilien, geborene Laura Lima eine seltsame Welt inszeniert, die sich hinter zahlreichen geschlossenen Türen eines langen, kafkaesken Korridors auftut. Man tritt in eine riesige, labyrinthisch angelegte Wunderrumpelkammer, die von schiefen, wackeligen Gestellen verbarrikadiert und mit den unglaublichsten Objets trouvés überfrachtet ist: mit halbfertigen Keramikskulpturen, Totenköpfen, Papier- und Glasobjekten, Gummireifen, einer Nähmaschine und allen Arten von Werkzeugen; darunter einer Schlafecke samt Badewanne und Kochgelegenheit.

Während der ganzen Ausstellungsdauer geht ein von Laura Lima instruierter Protagonist, der «Naked Magician», unaufhörlich rätselhaften, gar sinnlos anmutenden Tätigkeiten nach. Wobei er nicht nackt, sondern in einen schwarzen Frack mit gekürzten Hemdsärmeln gekleidet ist und daher keine klassischen Zaubertricks vorführen kann. Die Künstlerin kann und will nicht kontrollieren, was da vor sich geht, was auch einleuchtet, da er schliesslich Zauberer oder Künstler ist.

 

Traum und Wirklichkeit

 

Laura Lima ergründet Alltägliches, indem sie sich vorwiegend mit den komplexen gesellschaftlichen sozialen Beziehungen und den mannigfaltigen menschlichen, zuweilen tierischen Verhaltensweisen beschäftigt. So wenn zum Beispiel, wenn die seit 2004 mehrfach reinszenierte Arbeit mit den «Gala Chickens», die unter anderem bei der Lyon Biennale 2011 gezeigt wurde — die BetrachterInnen scheinbar in eine Traumwelt surrealer Paradiesvögel entführt. Inspiriert vom Karneval, der es den Individuen erlaubt, ihre gesellschaftlichen Rollen und Normen für eine gewisse Zeit zu vergessen, schmückte sie vierzig Hühner mit bunten fremden Federn und stellte sie in einem Gehege aus. Im Lauf dieser verordneten Maskerade entwickelten die Vögel völlig ungewohnte Verhaltensmuster.

Die Arbeiten sind vornehmlich Anordnungen zwischen Performance, Skulptur und Installationen. Zentraler Gegenstand der künstlerischen Praxis ist vielfach der menschliche Körper. Die Künstlerin performt jedoch nie selbst, sondern unterweist Dritte, die von ihr entwickelten Dramaturgien auszuführen. Die Vorgaben sind einfach, so etwa für die Szene «Fighting» von 1996: Wenn die miteinander mit verbundenen Augen kämpfenden, nackten Männer müde werden, sollen sie sich ausruhen, um wieder mit voller Energie weiterzuringen. Bloss darf der Kampf weder zur Routine noch zu einem Tanz werden. Eigentlich weisen Limas Szenerien keine erzählerischen Momente auf; vielmehr lotet sie die Grenzen der Wahrnehmung zwischen Traum und Wirklichkeit aus, sowohl im Alltag als auch im Bereich des Absurden.

Einen grösseren Gegensatz zum «Naked Magician» als die nüchtern eingerichtete Installation «Bar-Restaurant» mit bündig angeordneten Bistrotischen lässt sich kaum denken. Aber selbst hier geschehen irrationale Dinge. Die meisten Stühle sind von Objekten besetzt, die sich durchaus mit Personen identifizieren lassen; eine Decke und Filzskulpturen etwa, die an Beuys erinnern sollen, oder ein abstraktes Bild von Blinky Palermo, ferner sitzen da Papierstapel, geometrische Figuren und ein Schirm.

 

Ort der Resistenz

 

Ein verkleideter Kellner schenkt schweigend regelmässig Bier in die völlig symmetrisch angeordneten Gläser ein, die sich auf mysteriöse Weise wieder entleeren. Es scheint, als seien die Performer fremdgesteuert und agierten nach Verhaltensmustern, die unseren westlich geprägten Codes fremd sind. Diesem Rationalismus entzieht sich Laura Lima bewusst und hält ihm die Magie als Ort der Resistenz entgegen. Dabei dient ihr die künstlerische Strategie des Verlagerns als wesentliches Instrument, das Irritationen im vorgegebenen Rahmen auslöst.

Auf diese Weise vermag sich ein kleiner Spalt in unserem eng gezimmerten, reduzierten Gehäuse zu öffnen, der uns ermöglicht, in eine magische Parallelwelt zu schlüpfen, in der — fern von Eskapismus — unser zweckrationalisierter Alltag ausgehebelt ist. Und es ist ganz einfach lustvoll — besonders für protestantisch sozialisierte BesucherInnen —, in unbegrenzte, durch Unvernunft initiierte Dimensionen zu tauchen.

 

Die Ausstellung «Bar Restaurant» von Laura Lima im Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich dauert noch bis zum 2. Februar.

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